Geschichte & Katalonien
Von Barcino bis zum Mittelalter
Die Geschichte Barcelonas beginnt mit den Römern: Um 15 v. Chr. gründete Kaiser Augustus die Kolonie Colonia Iulia Augusta Faventia Paterna Barcino — ein bescheidener Vorposten, verglichen mit dem nahen Tarraco (Tarragona). Die römischen Stadtmauern sind bis heute im Barri Gòtic sichtbar, und unter dem MUHBA kann man die ausgegrabenen Straßen Barcinos begehen.
Mittelalterliche Blüte
Im Mittelalter wurde Barcelona zur Hauptstadt eines mediterranen Handelsimperiums. Die Krone von Aragonien-Katalonien kontrollierte Sizilien, Sardinien, Neapel und Teile Griechenlands. Barcelona war eine der reichsten und mächtigsten Städte Europas:
- 1283: Die Corts Catalanes wurden eingerichtet — eines der ältesten Parlamente Europas.
- 1359: Die Generalitat de Catalunya wurde gegründet — die katalanische Regierung, die bis heute existiert.
- 1450: Die Llotja de Mar (Börse) machte Barcelona zum Finanzzentrum des westlichen Mittelmeers.
Die gotischen Paläste des Barri Gòtic, die Kathedrale und Santa Maria del Mar stammen aus dieser Glanzzeit.
1714 — Das Jahr, das alles veränderte
Am 11. September 1714 fiel Barcelona nach 14-monatiger Belagerung im Spanischen Erbfolgekrieg. König Philipp V. von Bourbon schaffte die katalanischen Institutionen ab: kein Parlament mehr, kein eigenes Recht, Katalanisch wurde als offizielle Sprache verboten. Das Viertel La Ribera (heute El Born) wurde zerstört, um Platz für die Militärzitadelle zu schaffen.
Der 11. September ist deshalb Kataloniens Nationalfeiertag (Diada) — kein Siegesfest, sondern ein Tag des Gedenkens und des Widerstands. Jedes Jahr demonstrieren Hunderttausende für die katalanische Identität.
19. Jahrhundert — Industrielle Revolution & Renaixença
Barcelona wurde zur industriellen Hauptstadt Spaniens: Textilfabriken, eine aufstrebende Bourgeoisie und ein kulturelles Erwachen, die Renaixença (Renaissance), die die katalanische Sprache, Literatur und Kultur wiederbelebte. In dieser Ära entstanden die großen Bauprojekte:
- 1859: Der Plan Cerdà — Ildefons Cerdàs revolutionärer Stadtplan für das Eixample: ein Schachbrettmuster mit abgeschrägten Ecken, das bis heute Barcelonas Stadtbild prägt.
- 1882: Baubeginn der Sagrada Família.
- 1888: Weltausstellung im Parc de la Ciutadella — Barcelonas Debüt auf der Weltbühne.
Bürgerkrieg, Franco & Moderne
Anarchismus & Bürgerkrieg (1936–1939)
Barcelona war das Zentrum des spanischen Anarchismus und der Arbeiterbewegung. Im Bürgerkrieg (1936–1939) war die Stadt eine Hochburg der Republik. George Orwell kämpfte hier und schrieb „Mein Katalonien" über seine Erfahrungen. Die Stadt wurde von Francos Truppen bombardiert — die Einschusslöcher auf der Plaça Sant Felip Neri erinnern bis heute daran. Am 26. Januar 1939 fiel Barcelona an Franco.
Franco-Diktatur (1939–1975)
Unter Franco wurde Katalanisch erneut verboten — in Schulen, in der Verwaltung, in der Öffentlichkeit. Die katalanische Flagge (Senyera) durfte nicht gezeigt werden. Der FC Barcelona wurde zum Symbol des stillen Widerstands: Das Camp Nou war einer der wenigen Orte, an denen Katalanisch gesprochen werden durfte. „Més que un club" — mehr als ein Club — wurde zum Motto einer unterdrückten Nation.
Demokratie & Olympiade (1975–1992)
Nach Francos Tod 1975 begann die Transición (Übergang zur Demokratie). Katalonien erhielt 1979 ein Autonomiestatut mit eigenem Parlament und eigener Regierung. Katalanisch wurde wieder Amtssprache. Die Olympischen Spiele 1992 transformierten Barcelona: Der Strand wurde geschaffen (vorher waren dort Fabriken und Gleise), der Montjuïc wurde umgestaltet, das Fischerviertel Barceloneta saniert. Barcelona wurde zur Weltstadt.
Die Unabhängigkeitsbewegung
Seit den 2010er Jahren wuchs die katalanische Unabhängigkeitsbewegung stark an. Das (illegale) Referendum am 1. Oktober 2017 und die anschließenden Bilder von Polizeigewalt gegen Wähler erschütterten Spanien und Europa. Die katalanische Regierung erklärte einseitig die Unabhängigkeit, Madrid setzte die Autonomie aus, Regierungschef Carles Puigdemont floh ins Exil. Die Frage der katalanischen Unabhängigkeit ist bis heute ein emotionales und komplexes Thema — als Besucher solltest du dich informieren, aber keine vorschnellen Urteile fällen.
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