Portugiesen, Briten & Unabhängigkeit
Die Portugiesen eroberten die Malediven 1558 und herrschten 15 Jahre lang brutal — sie versuchten, die Bevölkerung zum Christentum zu bekehren, und töteten den Sultan. Der maledivische Nationalheld Muhammad Thakurufaanu organisierte einen Guerillakrieg und vertrieb die Portugiesen 1573 in einem legendären Aufstand. Er ist heute die zentrale Figur der maledivischen Nationalgeschichte — sein Geburtstag (1. Rabi' al-Awwal) ist Nationalfeiertag.
Im 17. Jahrhundert waren die Malediven kurzzeitig von der Malabar-Küste (Südindien) abhängig und kurz darauf unter dem Einfluss der Holländer auf Ceylon. 1887 wurden die Malediven zum britischen Protektorat — Großbritannien kontrollierte die Außenpolitik, während die Sultane die inneren Angelegenheiten regelten. Die Briten richteten auf Addu Atoll einen Militärstützpunkt (RAF Gan) ein, der bis 1976 aktiv blieb.
1953 wurde das Sultanat kurzzeitig abgeschafft und die Erste Republik ausgerufen — sie hielt nur ein Jahr. 1965 erlangten die Malediven die volle Unabhängigkeit von Großbritannien, und 1968 wurde das Sultanat endgültig durch die Zweite Republik ersetzt.
Die portugiesische Besatzung (1558–1573)
Die Ankunft der Portugiesen auf den Malediven war Teil ihrer aggressiven Expansionspolitik im Indischen Ozean. Nachdem sie bereits Goa (1510) und Malakka (1511) erobert hatten, richteten sie ihren Blick auf die strategisch wichtigen Malediven, die die Handelsrouten zwischen Arabien und Südostasien kontrollierten.
1558 landete eine portugiesische Flotte unter Kapitän Andreas André in Malé, tötete Sultan Ali VI. und richtete eine Garnison ein. Die 15 Jahre der Besatzung waren geprägt von Zwangsbekehrungen zum Christentum, der Zerstörung von Moscheen und brutaler Repression. Die Malediver leisteten erbitterten Widerstand — der Hass auf die Besatzer einte die zerstrittenen Atollchefs.
Die Befreiung durch Muhammad Thakurufaanu
Muhammad Thakurufaanu al-Auzam stammte von der nördlichen Insel Utheemu (Haa Alifu Atoll) und organisierte mit seinen Brüdern Ali und Hassan einen Guerillakrieg gegen die Portugiesen. Ihre Strategie war genial: Sie segelten mit einer schnellen Dhoni namens Kalhuohfummi von Atoll zu Atoll, rekrutierten Kämpfer, überfielen portugiesische Posten und verschwanden in der Nacht. Nach jahrelanger Vorbereitung griffen sie 1573 Malé an und vertrieben die Portugiesen in einer einzigen Nacht.
Thakurufaanu wurde Sultan und reformierte das Land grundlegend. Sein Geburtshaus auf Utheemu ist heute ein Museum und nationales Heiligtum — ein Holzgebäude mit geschnitzten Korallensteinmauern, das einen faszinierenden Einblick in das Leben im 16. Jahrhundert bietet. Die Insel liegt im äußersten Norden und ist per Inlandsflug nach Hanimaadhoo erreichbar.
Das britische Protektorat (1887–1965)
Das Verhältnis der Malediven zu Großbritannien war ein typisches Protektoratsarrangement des britischen Empires: London kontrollierte die Außenpolitik und den Zugang zu den Gewässern, während die Sultane weitgehend autonom über innere Angelegenheiten herrschten. Im Gegenzug erhielten die Malediven militärischen Schutz.
RAF Gan — Der Militärstützpunkt
Die strategische Bedeutung der Malediven zeigte sich im Zweiten Weltkrieg: Die Briten bauten auf Gan (Addu Atoll) einen Marinestützpunkt und Flugplatz (RAF Gan), der bis 1976 aktiv blieb. Auf dem Höhepunkt arbeiteten über 3.000 Menschen auf der Basis — die Briten bauten Straßen, eine Landebahn, Kinos und sogar einen Golfplatz. Die Verbindungsdämme zwischen den Inseln des Addu Atolls, die heute noch als Straßen dienen, sind ein bleibendes Erbe dieser Zeit.
Die Militärbasis hatte weitreichende Folgen für die lokale Gesellschaft: Addu-Insulaner, die für die Briten arbeiteten, verdienten ein Vielfaches des maledivischen Durchschnitts. Es entstand ein kultureller Graben zwischen dem kosmopolitischen Addu und dem konservativen Malé — ein Graben, der bis heute spürbar ist.
Die Suvadive-Rebellion (1959–1963)
Die Spannungen eskalierten 1959, als die südlichen Atolle Addu, Fuvahmulah und Huvadhu eine Abspaltung von Malé erklärten und die „Vereinigte Suvadive-Republik" gründeten — unterstützt (manche sagen: angestiftet) von den Briten auf Gan. Präsident Ibrahim Nasir in Malé entsandte Truppen, die den Aufstand 1963 gewaltsam niederdrückten. Viele Addu-Bewohner flohen nach Sri Lanka oder auf die Seychellen. Das Trauma der Rebellion prägt die Beziehungen zwischen Nord und Süd bis heute — auf Addu spricht man noch immer mit Bitterkeit davon.
Moderne Politik: Zwischen Demokratie und Autoritarismus
Die jüngere politische Geschichte der Malediven liest sich wie ein Politthriller — mit Putschen, Gegenpuetschen, inhaftierten Präsidenten und dramatischen Kehrtwenden.
Die Ära Gayoom (1978–2008)
Maumoon Abdul Gayoom regierte die Malediven 30 Jahre lang und war damit einer der am längsten amtierenden Staatschefs Asiens. Seine Bilanz ist zwiespältig:
- Positiv: Aufbau des Tourismussektors, Verbesserung von Bildung und Gesundheitsversorgung, Modernisierung der Infrastruktur, internationale Sichtbarkeit der Malediven als Reiseziel
- Negativ: Systematische Unterdrückung der Opposition, Folter politischer Gefangener, Zensur der Presse, Bereicherung des Gayoom-Clans, keine demokratischen Wahlen
2003 löste der Tod eines politischen Gefangenen in Haft Massenproteste in Malé aus — der Beginn der maledivischen Demokratiebewegung. Unter internationalem Druck stimmte Gayoom 2008 erstmals Mehrparteienwahlen zu.
Mohamed Nasheed — Der Klimapräsident (2008–2012)
Mohamed Nasheed, ein ehemaliger politischer Gefangener und Journalist, gewann die Wahlen 2008 und wurde der erste demokratisch gewählte Präsident. Er machte international Schlagzeilen mit seiner Unterwasser-Kabinettssitzung (2009), bei der das gesamte Kabinett in Tauchausrüstung auf dem Meeresgrund tagte — ein genialer PR-Coup, um auf den steigenden Meeresspiegel aufmerksam zu machen. Nasheed wurde zum Gesicht des globalen Klimakampfes.
2012 wurde Nasheed unter umstrittenen Umständen zum Rücktritt gezwungen — er sprach von einem „Putsch in Zeitlupe", unterstützt von Gayoom-Loyalisten in Polizei und Militär. Die folgenden Jahre waren von politischer Instabilität, Prozessen gegen Nasheed und einer Rückkehr autoritärer Tendenzen geprägt.
Geopolitisches Tauziehen: China vs. Indien
Die Malediven sind zu einem Schauplatz der Rivalität zwischen China und Indien geworden. Unter Präsident Yameen (2013–2018) näherten sich die Malediven China an — die Sinamalé Bridge (Malé-Hulhumalé) wurde mit chinesischen Krediten gebaut. Unter Präsident Solih (2018–2023) schwang das Pendel zurück Richtung Indien. Unter Präsident Muizzu (ab 2023) wurden indische Militärberater aufgefordert, das Land zu verlassen — „India Out"-Proteste prägten den Wahlkampf. Für Touristen ist dieser Machtkampf unsichtbar, aber er beeinflusst Infrastrukturprojekte, Flughafenausbauten und die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes.