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Verstehen · Kapitel 9

Essen & Trinken

Schweden Reiseführer

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VerstehenKapitel 9: Essen & Trinken
Verstehen · Kapitel 9

Essen & Trinken

Die schwedische Küche hat sich von der bodenständigen Husmanskost zur New Nordic Cuisine entwickelt — aber die Basis bleibt: Köttbullar, Smörgåsbord, Kanelbullar und im Sommer Hering mit Kartoffeln. Dazu die Fika-Tradition und ein Alkoholsystem, das Neuankömmlinge verblüfft.

Traditionelle Gerichte

Die schwedische Husmanskost (Hausmannskost) ist herzhaft, saisonal und von der Natur geprägt — ein Erbe der langen Winter und der Notwendigkeit, Lebensmittel haltbar zu machen (beizen, räuchern, fermentieren, pökeln).

Die großen Klassiker

★★★ Köttbullar — Das Nationalgericht

Schwedische Fleischbällchen sind mehr als ein IKEA-Produkt. In einem guten schwedischen Restaurant oder in einer schwedischen Küche sind sie eine Klasse besser: Die Mischung aus Rind- und Schweinefleisch (manchmal auch Kalbfleisch), gewürzt mit Piment (kryddpeppar) und Muskatnuss, eingeweicht in milchgetränktem Weißbrot (für die Zartheit) und sanft in Butter gebraten — nicht fritiert! Die Gräddsås (Sahnesoße) wird mit dem Bratenfond und Sahne gemacht, die Lingonsylt (Preiselbeerkompott) gibt die süß-saure Balance, und das Kartoffelpüree (potatismos) ist buttrig und glatt. In der gehobenen Variante: eingelegte Gurke dazu, auf einem Steingut-Teller serviert, mit einem Klecks Dijon-Senf. Die besten Köttbullar Stockholms gibt es bei Pelikan (→ Kap. Stockholm).

★★★ Smörgåsbord — Das schwedische Festbuffet

Das Smörgåsbord ist mehr als ein Buffet — es ist ein Ritual mit fester Reihenfolge, und wer diese Etikette kennt, outet sich als Kenner:

  1. 1. Gang: Hering (Sill) — Beginne IMMER mit Hering! In verschiedenen Marinaden: Senf (senapssill), Zwiebel (löksill), Curry, Knoblauch, Dill. Dazu neuer Kartoffel, Gräddfil (Sauerrahm) und Knäckebröd.
  2. 2. Gang: Fisch — Gravad Lax (gebeizter Lachs) mit Hovmästarsås (Senf-Dill-Soße), geräucherter Aal, Räksmörgås (Garnelenbrot), Toast Skagen.
  3. 3. Gang: Kalte Aufschnitte — Kalter Braten, Pasteten, Käse, Eier.
  4. 4. Gang: Warme Gerichte — Köttbullar, Janssons frestelse (Kartoffelgratin mit Anchovis), Prinskorv (kleine Würstchen), Kåldolmar (Kohlrouladen).
  5. 5. Gang: Dessert — Ostkaka (Käsekuchen), Frucht, Schokolade.

Wichtig: Zwischen den Gängen den Teller wechseln! Einen neuen, sauberen Teller für jeden Gang nehmen. Und: Zu jedem Gang gehört ein Snaps (Aquavit) mit einem Trinklied (Snapsvisa). Das populärste: „Helan går!" — danach wird das Glas in einem Zug geleert.

Smörgåsbord wird traditionell zu Weihnachten (Julbord — das größte und üppigste, mit zusätzlich Weihnachtsschinken/julskinka und Lussekatter), Ostern (Påskbord) und Midsommar aufgetischt. Viele Restaurants bieten im Dezember Julbord-Abende an (ab 495–795 SEK / 43–69 €) — eine fantastische Möglichkeit, die schwedische Festtafel zu erleben.

★★ Surströmming — Die Mutprobe

Surströmming ist fermentierter Ostseehering — Schwedens berüchtigtster kulinarischer Export und die Antwort auf die Frage „Wie schlimm kann Essen riechen?". Der Hering wird im Frühling gefangen, in Salzlake gelegt und fermentiert — die Dose wölbt sich vom entstehenden Gas und steht unter Druck. Beim Öffnen entweicht ein Geruch, der selbst abgehärtete Schweden in die Flucht schlägt. Mehrere Airlines haben Surströmming-Dosen als Gefahrgut eingestuft.

Das Ritual:

  1. Die Dose NUR draußen öffnen (am besten unter Wasser, um die Spritzgefahr zu reduzieren)
  2. Den Fisch auf Tunnbröd (dünnes, weiches Fladenbrot) legen
  3. Mandelpotatis (kleine, festkochende Kartoffeln), gehackte Zwiebeln und Gräddfil (Sauerrahm) dazugeben
  4. Rollen und essen — der Geschmack ist überraschend mild, salzig und umami
  5. Dazu: kaltes Bier und Snaps

Die Surströmming-Saison beginnt offiziell am dritten Donnerstag im August (Surströmmingspremiären). NIEMALS im Hotel, in einer Wohnung oder in einem geschlossenen Raum öffnen!

Weitere Klassiker

  • Gravad Lax (Gravlax): In Zucker, Salz und Dill gebeizter Lachs — auf jedem schwedischen Frühstücksbuffet und Smörgåsbord. Die Hovmästarsås (Senf-Dill-Soße) dazu ist das perfekte Gegenstück.
  • Toast Skagen: Geröstetes Brot mit Garnelen, Crème fraîche, Dill und Löjrom (Bleak-Rogen) — Schwedens beliebteste Vorspeise, erfunden in den 1950ern von Starkoch Tore Wretman.
  • Ärtsoppa & Pannkakor: Erbsensuppe und Pfannkuchen — traditionell donnerstags! Eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht (der Freitag war Fasttag, also wurde am Donnerstag deftig gegessen). In vielen schwedischen Restaurants und Militärkasernen gibt es donnerstags immer noch Ärtsoppa.
  • Janssons frestelse: „Janssons Versuchung" — ein cremiger Kartoffelgratin mit Ansjovis (nicht Sardellen — schwedische Ansjovis ist milder!), Zwiebeln und Sahne. Unverzichtbar auf dem Julbord.
  • Knäckebröd: Das schwedische Knäckebrot — knusprig, dünn, aus Roggen. Wasa ist die bekannteste Marke, aber die handgemachten Varianten aus Dalarna und Jämtland sind eine andere Liga. Traditionell wurde Knäckebröd im Herbst gebacken und an einer Stange unter der Decke aufgehängt — es hielt den ganzen Winter.
  • Kräftor (Krebse): Im August feiern die Schweden die Kräftskiva — eine Krebsparty, die mehr Party als Essen ist: Krebse (gekocht in Dill-Salzwasser), Brot, Butter, Snaps, Trinklieder, Papierhüte, Laternen und das unsterbliche „Helan går!". Die Kräftskiva ist eine der fröhlichsten schwedischen Traditionen.
  • Glögg: Schwedischer Glühwein — roter Wein mit Zimt, Kardamom, Nelken und Ingwer, serviert mit Mandeln und Rosinen im Glas. In der Adventszeit allgegenwärtig. Alkoholfrei als „must" erhältlich.

Süßes & Gebäck

Schwedens Fika-Gebäck ist eine Kunstform — und eine ernste Angelegenheit. Jedes Gebäck hat seine Saison, seine Geschichte und seine Fans:

  • Kanelbulle (Zimtschnecke): Das Fika-Gebäck Nr. 1. Tag der Zimtschnecke: 4. Oktober. Pro Jahr verspeisen die Schweden über 300 Millionen Stück. Die perfekte Kanelbulle: Hefeteig mit Kardamom, großzügige Zimt-Zucker-Butter-Füllung, Hagelzucker obendrauf, innen weich, außen leicht knusprig.
  • Semla: Kardamombrötchen mit Mandelpaste und Schlagsahne — das Saisongebäck vor der Fastenzeit (Fettisdagen, Februar/März). König Adolf Friedrich aß sich 1771 angeblich mit 14 Semlor (im Anschluss an ein üppiges Mahl) zu Tode — der Tod durch Gebäck. Die besten Semlor gibt es ab Anfang Januar, obwohl Traditionalisten erst ab Fettisdagen essen.
  • Prinsesstårta: Marzipan-Sahne-Torte in Grün (immer grün, manchmal zu Ostern gelb oder zu Weihnachten rot) — die offizielle Geburtstagstorte Schwedens. Drei Schichten: Biskuit, Vanillecreme, Schlagsahne, umhüllt von einer dünnen Marzipanschicht. Benannt nach den drei Prinzessinnen Margaretha, Märtha und Astrid, die sie in den 1930er Jahren liebten.
  • Chokladboll (Schokoladenkugel): Haferflocken, Kakao, Butter und Zucker, gewälzt in Kokosraspeln oder Hagelzucker — ohne Backen, in 10 Minuten gemacht. Das demokratischste aller Fika-Gebäcke: einfach, günstig, überall. Wurde kurzzeitig in „Chokladboll" umbenannt (statt des alten Namens „Negerboll"), was eine lebhafte gesellschaftliche Debatte auslöste.
  • Lussekatter (Luciakatzen): S-förmige Safranbrötchen mit Rosinen — traditionell am 13. Dezember (Lucia) gebacken. Der Safran gibt die leuchtend gelbe Farbe und einen warmen, exotischen Geschmack. Ab Anfang Dezember in jeder schwedischen Bäckerei.
  • Dammsugare (Staubsauger): Ein zylindrisches Gebäck aus Kuchenresten, Arrak, Kakao und Marzipan — die Enden werden in grünes Marzipan und Schokolade getaucht. Recycling-Gebäck im besten Sinne.

Trinken & Getränkekultur

Schwedische Getränke

  • Aquavit (Brännvin/Snaps): Kartoffel- oder Getreidebranntwein mit Kümmel, Dill, Anis oder Fenchel. Zum Smörgåsbord und Kräftskiva ein Muss — kalt serviert, mit einem „Snapsvisa" (Trinklied) begleitet. O.P. Anderson (seit 1891), Skåne Akvavit und Hallands Fläder (Holunderblüte) sind die bekanntesten Marken. Die Etikette: Glas erheben, Blickkontakt, Lied singen, in einem Zug trinken, Glas auf den Tisch, Blickkontakt.
  • Craft Beer: Schwedens Craft-Beer-Szene boomt und ist eine der kreativsten Europas: Omnipollo (Stockholm — die Smoothie-IPAs und Pastry Stouts sind legendär), Stigbergets (Göteborg — Westküsten-Hop), Dugges (Göteborg — experimentell und wild), Brekeriet (Malmö — Sour Ales). Viele Brauereien haben eigene Taprooms — ein Abend in Stockholms oder Göteborgs Craft-Beer-Szene ist ein Erlebnis.
  • Kaffee: Schwedens wahre Leidenschaft — das Land gehört zu den Top-3-Kaffeeverbrauchern der Welt pro Kopf. → Fika-Kapitel.
  • Julmust: Alkoholfreies Malzgetränk, das zu Weihnachten (Jul) die Cola vom Thron stößt — Coca-Cola hat in Schweden im Dezember seinen schlechtesten Monat, weil ganz Schweden Julmust trinkt. Es gibt auch Påskmust zu Ostern — dasselbe Getränk, anderes Etikett (und jeder weiß es, trinkt es aber trotzdem).
  • Glögg: Schwedischer Glühwein mit Mandeln und Rosinen im Glas — DAS Adventsgetränk. Dazu Pepparkakor (Pfefferkuchen) und Lussekatter.

Alkohol-Preise im Vergleich

GetränkSystembolagetRestaurant/Bar
Bier (0,5l, Starköl)25–45 SEK (2–4 €)70–100 SEK (6–9 €)
Wein (Flasche)80–200 SEK (7–17 €)*350–700 SEK (30–61 €)
Aquavit/Snaps (0,7l)250–400 SEK (22–35 €)*80–150 SEK (Glas)
Cocktail150–195 SEK (13–17 €)

* Nur beim Systembolaget erhältlich. → Details im Kapitel Praktische Infos: Systembolaget.

Tipp

Systembolaget am Samstag vor 15 Uhr besuchen — sonntags ist geschlossen! Die Auswahl ist hervorragend, die Beratung auch. Für eine Kräftskiva (Krebsparty): Brännvin, ein Heft mit Snapsvisor (Trinklieder, gibt es beim Systembolaget!) und Papierlaternen besorgen. Und: Duty-Free-Quote am Flughafen voll ausnutzen — die Preise sind 50–60% günstiger.

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