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Regionen · Kapitel 6

Ostkreta — Agios Nikolaos, Spinalonga & Vai

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Ostkreta — Agios Nikolaos, Spinalonga & Vai

Ostkreta ist der ruhigere, ursprünglichere Teil der Insel — hier warten die elegante Hafenstadt Agios Nikolaos, die geschichtsträchtige Leprainsel Spinalonga, Europas einziger natürlicher Palmenstrand und die verwunschene Lasithi-Hochebene. Für Reisende, die Kreta abseits der Massen erleben wollen.

Agios Nikolaos — Eleganz am Mirabello-Golf

Agios Nikolaos (Άγιος Νικόλαος, von den Einheimischen schlicht „Ag Nik" genannt) ist die Hauptstadt der Präfektur Lasithi und eine der elegantesten Kleinstädte Kretas. Eingebettet an den Hügeln des Mirabello-Golfs — Kretas größter und schönster Bucht — vereint sie kosmopolitisches Flair mit griechischer Gemütlichkeit.

Das Wahrzeichen der Stadt ist der Voulismeni-See (Limni Voulismeni), ein fast kreisrundes, 64 Meter tiefes Süßwasserbecken mitten in der Stadt, das über einen Kanal mit dem Meer verbunden ist. Um den See reihen sich Cafés und Tavernen mit spektakulärer Spiegelung des Wassers — abends, wenn die Lichter sich auf der Oberfläche brechen, ist die Atmosphäre besonders magisch. Der Legende nach soll die Göttin Athene im See gebadet haben.

Die Uferpromenade führt vom See zum kleinen Hafen, wo Fischerboote neben eleganten Yachten schaukeln. Das Archäologische Museum (Konstantinos-Paleologos-Str.) beherbergt eine feine Sammlung minoischer Funde aus Ostkreta, darunter die berühmte Göttin von Myrtos — eine 4.500 Jahre alte Keramikfigur, die zu den Ikonen der minoischen Kunst gehört.

Agios Nikolaos ist der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge nach Spinalonga (Boote ab Elounda oder Plaka, 15 km nördlich), zur Lasithi-Hochebene (30 km westlich) und zu den Stränden von Istro und Voulisma (10 km südöstlich — einer der schönsten Sandstrände Ostkretas). Das nahegelegene Elounda, 10 km nördlich, ist Kretas exklusivste Adresse — hier stehen einige der teuersten Luxus-Resorts Griechenlands (Elounda Beach, Blue Palace), umgeben von atemberaubender Landschaft an der Mirabello-Bucht.

Die Hafenpromenade von Elounda selbst ist aber überraschend bodenständig: Ein kleines Fischerdorf mit Tavernen am Wasser, Fischerbooten und dem Blick auf die vorgelagerte Halbinsel Spinalonga (nicht zu verwechseln mit der Insel). Von hier legen die Boote nach Spinalonga ab.

Spinalonga — Die Insel der Vergessenen★★★

Fähre: 8–10€ hin/rück + 8€ Eintritt

Spinalonga (Σπιναλόγκα, offiziell Kalydon) ist eine kleine Felsinsel im Mirabello-Golf, die eine der bewegendsten Geschichten des gesamten Mittelmeerraums birgt. Was als venezianische Seefestung begann, wurde zur letzten Leprakolonie Europas — und ist heute eine der meistbesuchten Stätten Kretas.

Die Venezianer bauten die Festung 1579 auf der strategisch gelegenen Insel, um den Hafen von Elounda zu schützen. Die Befestigungen waren so stark, dass Spinalonga als eine der wenigen Festungen nie von den Osmanen eingenommen wurde — sie fiel erst 1715, als die Venezianer sie friedlich übergaben. Unter osmanischer Herrschaft lebte eine türkische Siedlung auf der Insel.

Das dunkelste und zugleich berührendste Kapitel begann 1903: Die griechische Regierung machte Spinalonga zur Leprakolonie. Leprakranke aus ganz Kreta und Griechenland wurden hierher verbannt — ohne Heilung, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Über die Jahrzehnte entstand auf der winzigen Insel eine erstaunliche Gemeinschaft: Die Bewohner bauten Häuser, gründeten Familien, betrieben Geschäfte und einen Friseursalon, veröffentlichten eine Zeitung und kämpften für bessere Lebensbedingungen. 1948 wurde die Lepra medizinisch besiegt, und 1957 verließen die letzten 20 Bewohner die Insel — Spinalonga war Europas letzte Leprakolonie.

Der Bestseller-Roman „The Island" (Victoria Hislop, 2005) machte Spinalonga weltweit berühmt und löste einen Besucherboom aus. Heute wanderst du durch die venezianischen Tunnel, vorbei an verlassenen Häusern der Leprapatienten, der kleinen Kirche, dem Krankenhaus und den Ruinen einer Welt, die von Isolation und menschlicher Würde erzählt. Nimm dir mindestens 2 Stunden auf der Insel.

Praktisches: Boote fahren ab Elounda (15 Min., 10€ hin/rück) und ab Plaka (7 Min., 8€ hin/rück) von April bis Oktober regelmäßig. Eintritt auf die Insel: 8€. Wenig Schatten — Hut und Wasser mitnehmen. Die Boote ab Plaka sind kleiner, persönlicher und die Überfahrt ist kürzer.

Tipp

Nimm das Boot ab Plaka — das winzige Fischerdorf gegenüber der Insel. Die Überfahrt ist kürzer, die Atmosphäre authentischer, und in den Tavernen von Plaka gibt es den besten Fisch der Region. Perfekt als Mittagspause nach dem Inselbesuch.

Vai — Europas Palmenstrand★★

Der Palmenstrand von Vai (Βάι) an der äußersten Nordostspitze Kretas ist einzigartig in Europa: Ein natürlicher Wald aus Tausenden kretischen Dattelpalmen (Phoenix theophrasti) umrahmt eine helle Sandbucht mit kristallklarem Wasser — eine Szenerie, die eher an die Karibik oder Nordafrika erinnert als an Europa.

Der Palmenwald ist der größte seiner Art in Europa und besteht aus etwa 5.000 Dattelpalmen. Die Legende besagt, dass sarazenische Piraten hier Dattelkerne ausspuckten, aus denen der Wald entstand — die Wahrheit ist wohl profaner: Die kretische Dattelpalme ist eine endemische Art, die seit der Antike hier wächst. Seit 1973 steht Vai unter Naturschutz — in den 1960er und 70er Jahren hatten Hippie-Camper den Strand zum „Marokko Europas" erklärt und ziemlichen Müll hinterlassen. Heute ist Camping streng verboten.

Der Strand selbst ist wunderschön: feiner goldener Sand, flaches, warmes Wasser und die Palmen als natürliche Kulisse. Sonnenliegen und -schirme (10€/Set) sind verfügbar, dazu eine Strandbar und Toiletten. Der Strand kann in der Hochsaison voll werden. Wer Einsamkeit sucht, wandert über die Felsen am südlichen Ende des Strandes zum Itanos Beach — einem wilden, oft menschenleeren Strand mit den Ruinen der antiken Stadt Itanos direkt daneben.

Anreise: Vai liegt 94 km östlich von Agios Nikolaos und 24 km von Sitia entfernt. Die letzten Kilometer führen durch eine karge, fast mondähnliche Landschaft — der Kontrast zum grünen Palmenwald beim Ankommen ist umso größer. Parkplatz vorhanden (3€). Es gibt einen KTEL-Bus ab Sitia (Mai–Oktober), aber ein Mietwagen ist praktischer. Vai lässt sich gut mit dem nahen Toplou-Kloster (7 km, eines der reichsten und bedeutendsten Klöster Kretas, mit einer berühmten Ikonensammlung und eigener Olivenöl- und Weinproduktion) kombinieren.

Sitia & die Lasithi-Hochebene

Sitia (Σητεία) ist die östlichste Stadt Kretas und der authentischste Geheimtipp unter Kretas Städten. Hier gibt es kaum Pauschalurlauber, keine Souvenir-Meilen und keine Kreuzfahrtschiffe — stattdessen eine ehrliche griechische Kleinstadt (ca. 10.000 Einwohner) mit hübschem Hafen, einer venezianischen Festung (Kazarma) auf dem Hügel und einer der entspanntesten Atmosphären der Insel.

Die Hafenpromenade von Sitia ist ein Traum: Tavernen reihen sich am Wasser aneinander, Fischerboote schaukeln im Hafen, und abends flanieren die Einheimischen beim Volta (dem griechischen Abendspaziergang). Das Archäologische Museum zeigt Funde aus der Region, darunter Artefakte aus dem minoischen Palast von Zakros (der viertgrößte minoische Palast, 40 km südlich — ein spektakulärer, kaum besuchter Ausgrabungsort in wilder Küstenlandschaft).

Sitia ist bekannt für seinen Sultanas-Wein und sein Olivenöl — beides gehört zum Besten Kretas. Jedes Jahr im August findet das Sultana-Festival statt: Eine Woche Musik, Tanz und Weinverkostung. Von Sitia aus erreichst du den Palmenstrand Vai (24 km) und den Palast von Zakros (40 km über eine kurvenreiche Bergstraße).

Die Lasithi-Hochebene (Οροπέδιο Λασιθίου, 840 m Höhe) ist eine der faszinierendsten Landschaften Kretas: Eine kreisrunde, fruchtbare Hochebene von 11 km Länge, umringt von Bergen, die einst von Tausenden weißen Windmühlen zur Bewässerung geprägt war. Heute sind die meisten verfallen, aber einige restaurierte Exemplare vermitteln noch das historische Bild. Die Hochebene ist berühmt für ihre Kartoffeln (die besten Griechenlands!) und ihre Apfelbäume.

Am Rand der Hochebene liegt die Dikteon-Höhle (Psychro-Höhle), laut griechischer Mythologie der Geburtsort von Zeus. Die Höhle mit ihren beeindruckenden Stalaktiten und Stalagmiten war seit der Jungsteinzeit ein bedeutender Kultort — Tausende Votivgaben wurden hier gefunden. Eintritt: 6€. Der Abstieg in die Höhle über steile Stufen ist machbar, aber feste Schuhe sind empfohlen. Alternativ kann man einen Esel mieten (15€), der einen den Hügel hinauftragen lässt — ein urkomisches Erlebnis.

Tipp

Sitia eignet sich hervorragend als ruhige Alternative zu Agios Nikolaos: Von hier aus erreichst du Vai, Zakros und die Lasithi-Hochebene — alles in Tagesausflügen. Die Tavernen am Hafen bieten fangfrischen Fisch zu Preisen, die in Chania undenkbar wären.

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