Geschichte
Antike bis Reconquista
Die Besiedlung des heutigen Lissabon reicht mindestens bis in die Jungsteinzeit zurück. Die Phönizier gründeten um 1200 v. Chr. einen Handelsposten, den sie Alis Ubbo nannten (möglicherweise der Ursprung des Namens Lisboa). Römer, Westgoten und Sueben folgten.
Maurische Herrschaft (714–1147)
Ab 714 regierten die Mauren die Stadt, die sie al-Ushbuna nannten. Sie bauten die Festung auf dem Hügel (das heutige Castelo de São Jorge), legten Bewässerungssysteme an und machten die Stadt zu einem florierenden Handelszentrum. Die Alfama, Lissabons ältestes Viertel, bewahrt bis heute das maurische Straßenlabyrinth — enge Gassen, steile Treppen, verwinkelte Sackgassen.
Die Reconquista (1147)
Am 25. Oktober 1147 eroberte König Afonso Henriques mit Hilfe englischer, flämischer und deutscher Kreuzfahrer Lissabon von den Mauren zurück — nach einer 17-wöchigen Belagerung. Dieser Tag markiert den Beginn der christlichen Geschichte Lissabons. Der englische Kreuzfahrer Gilbert von Hastings wurde zum ersten Bischof ernannt; die Hauptmoschee wurde zur Kathedrale (Sé de Lisboa) umgewandelt. 1255 wurde Lissabon zur Hauptstadt Portugals erhoben.
Das Zeitalter der Entdeckungen
Das 15. und 16. Jahrhundert waren Portugals goldene Ära — und Lissabon war das Zentrum der Welt. Von hier aus stachen die Entdecker in See, die die Weltkarte neu zeichneten:
- 1415: Eroberung von Ceuta (Marokko) — der Beginn der Expansion.
- 1488: Bartolomeu Dias umrundet das Kap der Guten Hoffnung.
- 1498: Vasco da Gama erreicht Indien — der Seeweg nach Asien ist gefunden. Er startete von Belém.
- 1500: Pedro Álvares Cabral entdeckt Brasilien.
- 1519–1522: Fernão de Magalhães (Magellan, ein Portugiese in spanischen Diensten) umrundet die Welt.
Die Gewürzroute machte Portugal unermesslich reich: Pfeffer, Zimt, Nelken und Muskatnuss aus Indien und Südostasien. König Manuel I. ließ mit diesem Reichtum das Jerónimos-Kloster und den Turm von Belém erbauen — im einzigartigen manuelinischen Stil, der maritime und exotische Motive in die Architektur integrierte. Lissabon wurde zur reichsten und kosmopolitischsten Stadt Europas.
Die Kehrseite: Portugal begann den transatlantischen Sklavenhandel. Im 15. und 16. Jahrhundert war Lissabon der größte Sklavenmarkt Europas — ein dunkles Kapitel, das zunehmend aufgearbeitet wird.
Erdbeben, Diktatur & Nelkenrevolution
Das Erdbeben von 1755
Am 1. November 1755 (Allerheiligen) traf eine der schlimmsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte Lissabon: Ein Erdbeben der Stärke 8,5–9,0, gefolgt von einem Tsunami und tagelangen Bränden, zerstörte 85% der Stadt. Zwischen 30.000 und 60.000 Menschen starben. Kirchen, Paläste, Bibliotheken und das gesamte Archiv der Entdeckungen — verloren.
Der Premierminister Marquis von Pombal organisierte den Wiederaufbau mit einer Effizienz, die Europa staunen ließ: Die Baixa wurde als erste erdbebenresistente Stadtplanung der Welt im pombalinischen Stil errichtet — ein strenges Schachbrettmuster mit Holzrahmen-Konstruktion (gaiola pombalina), die Erdbeben standhalten sollte. Das Erdbeben veränderte Europa: Es löste eine philosophische Debatte über Gott, Natur und Optimismus aus (Voltaire, Kant, Rousseau).
Republik & Diktatur
1910 wurde die Monarchie gestürzt und die Erste Republik ausgerufen. Die politische Instabilität endete 1933 mit der Estado Novo-Diktatur unter António de Oliveira Salazar — eine autoritäre, konservative Diktatur, die bis 1974 dauerte. Portugal blieb im Zweiten Weltkrieg neutral, aber die Diktatur unterdrückte politische Opposition, hielt an den Kolonien fest (blutige Kolonialkriege in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau) und isolierte das Land.
Die Nelkenrevolution (25. April 1974)
Am 25. April 1974 stürzte ein Militärputsch die Diktatur — weitgehend unblutig. Die Soldaten steckten sich rote Nelken in die Gewehrläufe, die Bevölkerung strömte auf die Straßen, und die Diktatur endete nach 48 Jahren. Der 25. April ist Portugals Nationalfeiertag (Tag der Freiheit). Die Ponte 25 de Abril (Lissabons Golden-Gate-ähnliche Brücke) wurde zu Ehren dieses Tages umbenannt — vorher hieß sie Ponte Salazar.
Europäische Integration
1986 trat Portugal der EU bei, 1998 fand die Expo 98 in Lissabon statt (das Viertel Parque das Nações am Tejo entstand), und 2002 wurde der Euro eingeführt. Die Finanzkrise 2008–2014 traf Portugal hart, aber Lissabon hat sich seitdem als Start-up-Hauptstadt (Web Summit), Tourismus-Hotspot und kreative Metropole neu erfunden.
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