Lagom — Nicht zu viel, nicht zu wenig
Lagom (gesprochen: „lah-gom") ist das schwedische Wort, das keine andere Sprache hat — und das die schwedische Seele vielleicht am besten beschreibt. Es bedeutet „genau richtig", „weder zu viel noch zu wenig", „angemessen". Lagom ist das Goldilocks-Prinzip als Lebensphilosophie.
Die Etymologie ist umstritten, aber die schönste (wenn auch wohl falsche) Erklärung ist, dass „lagom" von „laget om" kommt — „einmal um die Runde" — und sich auf die Wikinger bezieht, die den Met-Krug herumgehen ließen: Jeder sollte so viel trinken, dass es für alle reichte. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Lagom.
Was bedeutet das konkret?
- Im Gespräch: Nicht angeben, nicht jammern. Weder überschwänglich begeistert noch dramatisch unglücklich. Ein Schwede sagt selten „fantastisk" — „det var bra" (das war gut) ist das höchste Lob. Übertriebene Selbstdarstellung (Protzautos, Markenklamotten, Angeberei) wird missbilligt. Man erzählt nicht ungefragt von seinem Gehalt, seinen Erfolgen oder seinem teuren Urlaub.
- Im Design: Funktional, schön, aber nicht protzig. IKEA ist Lagom in Möbelform — demokratisches Design, das funktioniert und sich jeder leisten kann.
- Im Sozialleben: Niemand soll herausstechen oder zu kurz kommen. Gleichheit ist kein politisches Programm, sondern ein tief verankerter Wert. Schwedische Kinder werden „du" geduzt, auch von Fremden — das „Sie" (Ni) ist in Schweden praktisch ausgestorben (die „Du-Reform" von 1967).
- Im Essen: Satt, aber nicht überfressen. Die Portionen sind nie übertrieben, die Präsentation schlicht und elegant.
- Im Wohnen: Ordentlich, minimalistisch, funktional — aber gemütlich (das schwedische Wort dafür ist „mysig").
Lagom ist verwandt mit dem dänisch-norwegischen Jantelagen (Jantegesetz, formuliert von Aksel Sandemose): „Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist." Für Reisende bedeutet das: Schweden sind höflich, hilfsbereit und warmherzig — aber reservierter als Südeuropäer. Geduld und Respekt für persönlichen Raum werden geschätzt. Smalltalk mit Fremden ist nicht üblich (in der U-Bahn, im Bus, im Aufzug herrscht Stille), aber sobald man ein Gespräch beginnt, sind Schweden offen und interessiert.