StartseiteReiseführerSizilienSüdosten — Syrakus, Noto & Agrigent
🇮🇹
Regionen · Kapitel 6

Südosten — Syrakus, Noto & Agrigent

Sizilien Reiseführer

Übersicht|
RegionenKapitel 6: Südosten — Syrakus, Noto & Agrigent
Regionen · Kapitel 6

Südosten — Syrakus, Noto & Agrigent

Der Südosten ist Siziliens kulturelles Epizentrum: Syrakus, einst die mächtigste Stadt der griechischen Welt, die goldenen Barockstädte des Val di Noto und das legendäre Tal der Tempel bei Agrigent. Hier ballt sich Jahrtausende alte Geschichte auf engstem Raum — und dazu die beste Schokolade und die besten Weine der Insel.

Syrakus — Einst mächtiger als Athen★★★

Syrakus (Siracusa) war im 5. Jahrhundert v. Chr. die mächtigste und reichste Stadt der gesamten griechischen Welt — größer als Athen, kulturell brillanter als Sparta, und wirtschaftlich dominierend im westlichen Mittelmeer. Hier lebte Archimedes (der berühmteste Wissenschaftler der Antike), hier besiegte Syrakus die athenische Flotte in der größten Seeschlacht der griechischen Geschichte (413 v. Chr.), und hier begann die Christianisierung Europas (Paulus predigte hier auf dem Weg nach Rom).

Das historische Zentrum liegt auf Ortigia — einer winzigen Insel (1 km²), über zwei Brücken mit dem Festland verbunden, die eines der atmosphärischsten Altstadtviertel ganz Italiens bildet. Barocke Palazzi, griechische Tempelreste, normannische Kirchen und lebhafte Piazzas überlagern sich auf engstem Raum. Der Dom (Duomo) ist ein einzigartiges Bauwerk: Die Barockfassade verbirgt den Athena-Tempel (5. Jh. v. Chr.) — die dorischen Säulen des antiken Tempels sind in die Kirchenmauern integriert und von innen sichtbar. Griechisch, christlich und barock in einem Gebäude.

Die Fonte Aretusa am Ufer Ortigias ist eine Süßwasserquelle direkt am Meer, in der Papyrus wächst — ein botanisches Wunder und Schauplatz der griechischen Sage von der Nymphe Arethusa. Der Mercato di Ortigia (am Morgen) ist einer der lebhaftesten Märkte Siziliens: Schwertfisch, Meeresfrüchte, Käse, Oliven, Gewürze und frisch gepresste Orangensäfte.

Auf dem Festland liegt der Archäologische Park Neapolis: Das griechische Theater (5. Jh. v. Chr., in den Fels gehauen, 15.000 Plätze — im Sommer noch für antike Dramen genutzt), das Ohr des Dionysios (eine 23 Meter hohe, tropfenförmige Höhle mit verblüffender Akustik — Caravaggio gab ihr den Namen) und das römische Amphitheater (eines der größten der römischen Welt). Das Museo Archeologico Regionale Paolo Orsi beherbergt eine der bedeutendsten archäologischen Sammlungen des Mittelmeers.

Tipp

Plane mindestens 2 Tage für Syrakus — Ortigia allein braucht einen ganzen Tag. Abends: Sundowner auf der Terrasse des Cafés am Lungomare di Ortigia mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem Hafen. Dann Fisch-Dinner am Mercato-Platz. Syrakus ist Siziliens romantischste Stadt.

Noto & Val di Noto — Barock in Gold★★★

Das Val di Noto ist eines der größten barocken Ensembles der Welt — und eine der eindrucksvollsten Geschichten von Zerstörung und Wiedergeburt. Am 11. Januar 1693 zerstörte ein verheerendes Erdbeben (Stärke 7,4) den gesamten Südosten Siziliens: 60.000 Menschen starben, Dutzende Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Was folgte, war ein Wunder der Architektur: Die Städte wurden nicht einfach wiederaufgebaut, sondern komplett neu entworfen — im sizilianischen Spätbarock, einer überbordenden, theatralischen Architektur, die zu den schönsten Europas gehört. 2002 erkannte die UNESCO acht Städte als Welterbe an.

Noto ist die Krönung des Val di Noto — eine Stadt, die wie ein barockes Bühnenbild konzipiert wurde. Die Corso Vittorio Emanuele, die Hauptstraße, zieht sich durch die Stadt wie eine Theaterachse, gesäumt von goldenen Kalksteinpalästen, Kirchen und Treppenanlagen. Der honigfarbene Kalkstein (Pietra di Noto) leuchtet bei Sonnenuntergang in einem unwirklichen Gold — Noto ist dann die schönste Stadt Siziliens und ein Traum für Fotografen. Die Cattedrale di San Nicolò thront am Ende einer monumentalen Freitreppe, der Palazzo Nicolaci hat die opulentesten barocken Balkone der Insel (geschnitzte Putten, Löwen, Sirenen und Fabelwesen), und die Chiesa di Santa Chiara bietet von ihrer Terrasse ein Panorama über die Altstadt.

Ragusa Ibla ist Notos Rivalin im Barock-Schönheitswettbewerb: Das untere Altstadtviertel fällt über einen Hügel ab, gekrönt vom Dom di San Giorgio — einer theatralischen Barockfassade mit einer Freitreppe, die sich wie eine Kaskade den Hügel herabzieht. Ragusa Ibla diente als Kulisse für die TV-Serie „Il Commissario Montalbano" und hat sich seinen verschlafenen Charme bewahrt. Weniger Touristen als Noto, dafür mehr Atmosphäre.

Modica ist berühmt für ihre Schokolade: Die „Cioccolato di Modica" (IGP geschützt) wird nach einem aztekischen Rezept hergestellt, das die Spanier im 16. Jahrhundert mitbrachten — der Kakao wird bei niedriger Temperatur verarbeitet, sodass die Zuckerkristalle nicht schmelzen und eine körnige, intensive Textur entsteht. In Modicas Altstadt reihen sich Cioccolaterie aneinander — Antica Dolceria Bonajuto (seit 1880) ist die berühmteste. Probiere die Varianten mit Chili, Zimt, Vanille oder Zitrusschale.

Agrigent — Das Tal der Tempel★★★

Das Tal der Tempel (Valle dei Templi) bei Agrigent ist eine der bedeutendsten archäologischen Stätten der Welt — und der emotionalste Ort, um die Größe der griechischen Kolonisation im westlichen Mittelmeer zu begreifen. Auf einem Bergrücken über der Südküste reihen sich sieben dorische Tempel aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. aneinander, umgeben von uralten Olivenbäumen und Mandelpflanzungen, mit dem Meer am Horizont. Bei Sonnenuntergang, wenn das Kalkstein golden leuchtet und die Tempel sich gegen den Abendhimmel abheben, ist dies einer der ergreifendsten Orte der antiken Welt.

Der Tempio della Concordia (Concordia-Tempel) ist das Highlight: Einer der besterhaltenen griechischen Tempel überhaupt — vollständig erhalten mit allen 34 Säulen, dem Giebel und dem Dach. Sein Erhaltungszustand verdankt er der Umwidmung zur christlichen Kirche im 6. Jahrhundert. Der Tempio di Giunone (Hera/Juno-Tempel) am östlichen Ende des Kamms bietet den besten Sonnenuntergangs-Blick. Der Tempio di Eracle (Herkules-Tempel) ist der älteste (um 500 v. Chr.) — nur acht Säulen stehen noch, aber die Atmosphäre ist magisch. Der Tempio di Zeus Olimpio war der größte dorische Tempel, der je geplant wurde (113 × 56 m) — nie fertiggestellt und heute eine Ruine, aber die am Boden liegenden Telamonen (8 Meter hohe Atlasfiguren) geben eine Vorstellung von der gigantischen Ambition.

Die antike Stadt Akragas (griechisch) war im 5. Jahrhundert v. Chr. eine der größten und reichsten Städte der griechischen Welt — der Dichter Pindar nannte sie „die schönste Stadt der Sterblichen". Bis zu 200.000 Menschen lebten hier, mehr als heute (ca. 55.000). Das Museo Archeologico Regionale ergänzt den Besuch mit hervorragenden Funden, darunter den rekonstruierten Telamonen und eine einzigartige Sammlung griechischer Vasen.

Im Februar und März verwandelt sich das Tal der Tempel in ein Blütenmeer: Die Mandelbäume blühen in Weiß und Rosa zwischen den antiken Säulen — das Mandelfest (Sagra del Mandorlo in Fiore) im Februar ist ein farbenfrohes Volksfest mit Folklore, Musik und Kostümen aus aller Welt.

Tipp

Besuche das Tal der Tempel am späten Nachmittag (ab 16:00 Uhr) — das Licht ist dann golden, die Hitze erträglich und die Busse mit Tagesausflüglern weg. Im Sommer (Juli/August) ist das Tal am Freitag- und Samstagabend bis 23:00 Uhr geöffnet und beleuchtet — ein unvergessliches Erlebnis, durch die illuminierten Tempel unter dem Sternenhimmel zu wandeln.

Villa Romana del Casale

Die Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina im Landesinneren Siziliens beherbergt die umfangreichsten und besterhaltenen römischen Bodenmosaiken der Welt — 3.500 Quadratmeter farbige Mosaikböden aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., die eine kaiserliche Luxusvilla schmückten. Seit 1997 UNESCO-Welterbe, ist die Villa eines der faszinierendsten Zeugnisse römischer Lebensart.

Die Mosaiken zeigen Szenen von erstaunlicher Lebendigkeit: Gladiatorenkämpfe, Jagdszenen in Afrika (mit Elefanten, Leoparden und Straußen), mythologische Darstellungen (Odysseus und Polyphem, Arion auf dem Delfin) und — das berühmteste Motiv — die „Bikini-Mädchen": Zehn junge Frauen in zweiteiligen Badeanzügen beim Sport (Laufen, Diskuswerfen, Ballspiel). Die Darstellung beweist, dass der Bikini keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist, und ist zum popkulturellen Symbol der Villa geworden.

Die Villa gehörte vermutlich einem hochrangigen römischen Senator oder sogar dem Kaiser Maximian (Mitkaiser Diokletians) und diente als Jagdresidenz und Repräsentationsort. Die Qualität der Mosaiken — vermutlich von nordafrikanischen Meisterwerkstätten angefertigt — ist von einer Detailtreue und Farbenpracht, die auch nach 1.700 Jahren fasziniert. Der Besuch dauert ca. 1,5–2 Stunden auf einem Rundweg über Stege oberhalb der Mosaiken.

Piazza Armerina selbst ist ein hübsches Bergstädtchen (700 m Höhe) mit normannischer Kathedrale und einer Altstadt, die deutlich weniger Touristen sieht als die Küstenstädte. Die Fahrt von Catania oder Syrakus dauert etwa 1,5 Stunden durch Siziliens grünes, hügeliges Landesinneres — eine willkommene Abwechslung zur Küstenhitze.

War dieses Kapitel hilfreich?