Geschichte & Guanchen
Die Guanchen — Teneriffas Ureinwohner
Die Guanchen (von „Guan Chinet" — „Mensch von Teneriffa") besiedelten die Insel vor mindestens 2.500 Jahren. Sie stammten von Berber-Völkern aus Nordafrika und erreichten die Kanaren vermutlich mit einfachen Booten — verloren dann aber die Seefahrtstechnologie und lebten Jahrtausende isoliert auf ihren jeweiligen Inseln, ohne Kontakt zueinander oder zur Außenwelt.
Kultur und Lebensweise
- Gesellschaft: Die Guanchen Teneriffas waren in neun Menceyatos (Königreiche) aufgeteilt, jedes regiert von einem Mencey (König). Die wichtigsten: Taoro (heutiges Orotava-Tal), Güímar, Anaga, Tegueste und Adeje. Die Gesellschaft war streng hierarchisch — Adelige, Krieger, Priester, Bauern.
- Lebensweise: Die Guanchen waren Hirten und Bauern, die Ziegen, Schafe und Schweine hielten. Sie lebten in Höhlen (besonders im Anaga-Gebirge und bei Güímar) und einfachen Steinhäusern. Gofio — geröstetes Gersten- und Weizenmehl — war ihr Hauptnahrungsmittel und ist es auf den Kanaren bis heute.
- Mumifizierung: Die Guanchen praktizierten eine Mumifizierungstechnik, die der ägyptischen ähnelt — einzigartig in Europa. Die Mumien (Xaxos) wurden in schwer zugänglichen Höhlen bestattet. Mehrere Mumien sind im MUNA in Santa Cruz ausgestellt.
- Sprache: Die Guanchen sprachen eine Berbersprache, die mit dem Aussterben der letzten Guanchen im 17. Jahrhundert verloren ging. Erhalten sind Ortsnamen (Tenerife, Taoro, Güímar, Icod, Adeje), Pflanzennamen und einzelne Wörter.
- Religion: Die Guanchen verehrten den Achamán (höchster Gott) und den Magec (Sonnengott). Der Teide galt als Sitz des bösen Geistes Guayota, der den Sonnengott im Vulkan gefangen hielt. Vulkanausbrüche waren für die Guanchen der Kampf zwischen Gut und Böse.
Die spanische Eroberung
Neunzig Jahre Widerstand (1402–1496)
Die Eroberung der Kanarischen Inseln war kein schneller Feldzug — es war ein fast hundertjähriger Krieg. Während die östlichen Inseln (Lanzarote, Fuerteventura) relativ schnell fielen, leisteten die Guanchen auf den westlichen Inseln erbitterten Widerstand.
Teneriffa war die letzte Insel, die fiel. Der Conquistador Alonso Fernández de Lugo landete 1494 mit 2.000 Soldaten — und erlitt in der Primera Batalla de Acentejo (1494) eine vernichtende Niederlage: Die Guanchen unter Mencey Bencomo töteten über 1.000 Spanier in einem Hinterhalt in einer engen Schlucht. Es war eine der schlimmsten Niederlagen der spanischen Kolonialkräfte.
Fernández de Lugo kehrte 1495 mit Verstärkung zurück. In der Schlacht von Aguere (November 1495) und der Segunda Batalla de Acentejo (Dezember 1495) besiegten die Spanier die Guanchen endgültig — unterstützt durch Schusswaffen, Kavallerie und vor allem durch Seuchen (Pest, Grippe), die die Guanchen-Bevölkerung dezimiert hatten. Am 25. Juli 1496 ergab sich der letzte Mencey — Teneriffa wurde spanisch.
Kolonialzeit (16.–18. Jahrhundert)
Nach der Eroberung wurde Teneriffa schnell zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt zwischen Europa, Afrika und der Neuen Welt. Die Insel profitierte vom Dreieckshandel:
- Zuckerrohr (16. Jh.): Erste Exportkultur, mit Sklaven aus Afrika angebaut.
- Wein (16.–17. Jh.): Teneriffas Malvasía-Wein wurde nach England, Flandern und in die Neue Welt exportiert. Shakespeare erwähnt ihn mehrfach.
- Cochenille (19. Jh.): Aus Schildläusen gewonnener roter Farbstoff wurde das wichtigste Exportgut — bis synthetische Farben den Markt zerstörten.
- Bananen (ab 1880): Bis heute das wichtigste Agrarprodukt der Insel.
Das moderne Teneriffa
Vom Agrarland zum Tourismusgiganten
Die Transformation Teneriffas im 20. Jahrhundert ist atemberaubend. Noch in den 1950er Jahren war der Süden eine karge, wasserlose Halbwüste, in der kaum jemand lebte. Die wenigen Touristen, die kamen, besuchten Puerto de la Cruz im Norden. Dann kam der Massentourismus:
- 1960er Jahre: Bau des Flughafens Reina Sofía im Süden (1978 eröffnet, aber die Entwicklung begann früher). Die ersten Hotels entstehen in Playa de las Américas.
- 1970er–80er Jahre: Tourismus-Boom. In nur zwei Jahrzehnten wird der Süden von einer Wüste in eine Tourismusmetropole verwandelt. Hotels, Apartmentanlagen, Straßen, Wasserleitungen — alles wird aus dem Boden gestampft. Der Tourismus überholt die Landwirtschaft als wichtigster Wirtschaftszweig.
- 1990er Jahre: Qualitätsoffensive. Teneriffa versucht, vom Image des Billigurlaubs wegzukommen. Costa Adeje wird als gehobene Alternative zu Playa de las Américas entwickelt. Der Teide wird 2007 UNESCO-Welterbe.
- 2000er–heute: Teneriffa empfängt jährlich über 6 Millionen Touristen — mehr als jede andere Kanareninsel. Der Tourismus macht direkt und indirekt über 35% des BIP aus. Die Insel balanciert zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Tourismus und dem Wunsch, Natur und Identität zu bewahren.
Herausforderungen heute
Teneriffa steht vor einem Dilemma, das viele Mittelmeer- und Atlantikinseln kennen: Overtourism. Die Mietpreise in Santa Cruz und La Laguna sind durch Ferienwohnungen explodiert, junge Kanarios können sich kaum noch Wohnungen leisten, und manche Naturgebiete (Masca, Teide) sind an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Gleichzeitig ist der Tourismus der wichtigste Arbeitgeber. Die Diskussion darüber, wie ein nachhaltiger Tourismus aussehen kann, prägt die politische Debatte auf der Insel.
War dieses Kapitel hilfreich?
