Schmutziger Krieg, Malvinas & Demokratie
Die Perón-Ära (1946–1974)
Juan Domingo Perón — geliebt und gehasst zu gleichen Teilen — veränderte Argentinien für immer. Als Präsident (1946–55, 1973–74) baute er den Sozialstaat aus, stärkte die Gewerkschaften und schuf eine Massenbewegung (Peronismus), die bis heute — über 70 Jahre später — Argentiniens Politik dominiert. Jede größere Partei ist entweder peronistisch oder definiert sich als Gegenstück zum Peronismus. Es gibt linke Peronisten und rechte Peronisten, liberale und konservative — der Peronismus ist weniger eine Ideologie als eine politische Identität.
★★★ Der Schmutzige Krieg (1976–1983) — Die dunkelste Epoche
Am 24. März 1976 stürzte eine Militärjunta unter General Jorge Rafael Videla die schwache Regierung von Isabel Perón (Juans dritter Frau) und begann den „Proceso de Reorganización Nacional" — einen systematischen Staatsterror, der als „Schmutziger Krieg" (Guerra Sucia) in die Geschichte einging.
Was folgte, war eine der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen des 20. Jahrhunderts:
- Bis zu 30.000 Menschen „verschwanden" — wurden von Todesschwadronen entführt, in geheime Folterzentren gebracht (über 340 im ganzen Land, darunter die ESMA in Buenos Aires), gefoltert und heimlich ermordet
- Viele Opfer wurden betäubt und aus Flugzeugen über dem Río de la Plata geworfen — die berüchtigten „Todesflüge" (vuelos de la muerte)
- Die Opfer: Studenten, Gewerkschafter, Journalisten, Künstler, Priester, Anwälte — jeder, der als „subversiv" galt. Viele waren keine Guerilleros, sondern normale Menschen mit der falschen Meinung
- Gestohlene Babys: Kinder von inhaftierten Schwangeren wurden nach der Geburt an Militärfamilien „verteilt". Die Organisation Abuelas de Plaza de Mayo (Großmütter der Plaza de Mayo) hat bis heute über 130 dieser Kinder identifiziert — viele erfuhren erst als Erwachsene von ihrer wahren Identität
★★★ Die Madres de Plaza de Mayo
Die Madres de Plaza de Mayo sind das weltweit bekannteste Symbol des Widerstands gegen die Diktatur. Ab April 1977 marschierten Mütter der Verschwundenen — erkennbar an ihren weißen Kopftüchern (Pañuelos Blancos) — jeden Donnerstag um 15:30 Uhr im Kreis um die Pyramide auf der Plaza de Mayo. Sie forderten Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder — trotz Verhaftungen, Drohungen und der Ermordung ihrer Gründerin Azucena Villaflor (selbst „verschwunden" 1977, Leiche erst 2005 identifiziert). Die Madres marschierten während der gesamten Diktatur und tun es bis heute — jeden Donnerstag, seit über 45 Jahren. Wenn du an einem Donnerstag in Buenos Aires bist: Geh um 15:30 zur Plaza de Mayo. Es ist einer der bewegendsten Momente, die du in Argentinien erleben kannst.
Der Falklandkrieg / Malvinas-Krieg (1982)
Um von der Wirtschaftskrise und den Menschenrechtsverletzungen abzulenken, besetzte die Junta unter General Leopoldo Galtieri am 2. April 1982 die Islas Malvinas (Falkland Islands), die seit 1833 von Großbritannien kontrolliert wurden. Margaret Thatcher schickte die Royal Navy. Der daraus folgende Krieg dauerte 74 Tage und endete mit einer vernichtenden argentinischen Niederlage. 649 argentinische und 255 britische Soldaten starben — viele der Argentinier waren Wehrpflichtige von 18–19 Jahren, schlecht ausgerüstet und unvorbereitet.
Die Niederlage beschleunigte das Ende der Diktatur — 1983 kehrte die Demokratie zurück. Die Malvinas bleiben bis heute Argentiniens offene Wunde: „Las Malvinas son argentinas" (Die Malvinas sind argentinisch) steht auf Schildern im ganzen Land, in Schulbüchern und sogar in der Verfassung. Bringe das Thema mit Vorsicht auf — es ist emotional geladen.
Demokratie & Wirtschaftskrise (1983–heute)
Seit 1983 ist Argentinien eine Demokratie. Die Wirtschaftskrise 2001 (Hyperinflation, Bankenkollaps, eingefrorene Bankkonten, fünf Präsidenten in zwei Wochen!) war traumatisch und prägt das Misstrauen gegenüber Banken bis heute — daher die Bargeldkultur und der Blue Dollar. Die Kirchner-Ära (Néstor 2003–2007, Cristina 2007–2015) brachte Stabilität, aber auch Korruptionsvorwürfe. Argentinien kämpft chronisch mit Inflation (oft über 100% pro Jahr!), Währungskrisen und der Kluft zwischen Arm und Reich. Trotzdem: Die Argentinier bewahren ihren Humor, ihre Leidenschaft und ihren unbändigen Stolz.