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Verstehen · Kapitel 8

Geschichte & Kultur

Gran Canaria Reiseführer

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VerstehenKapitel 8: Geschichte & Kultur
Verstehen · Kapitel 8

Geschichte & Kultur

Von den geheimnisvollen Ureinwohnern über die brutale spanische Eroberung bis zur Rolle als Sprungbrett nach Amerika — Gran Canarias Geschichte ist eine faszinierende Erzählung von Isolation, Kolonialisierung und kultureller Vermischung, die die Identität der Insel bis heute prägt.

Die Altkanaren — Ureinwohner der Insel

Bevor die Europäer kamen, lebten auf Gran Canaria die Altkanaren (auch Canarii oder — etwas ungenau — „Guanchen" genannt, obwohl dieser Begriff streng genommen nur für Teneriffa gilt). Ihre Herkunft ist bis heute nicht vollständig geklärt, aber genetische Studien belegen eine Verwandtschaft mit den Berbern Nordafrikas. Sie besiedelten die Insel vermutlich im 1. Jahrtausend v. Chr. — und lebten dort über 1.500 Jahre lang völlig isoliert.

Gesellschaft & Lebensweise

Die Altkanaren Gran Canarias waren erstaunlich entwickelt für eine steinzeitliche Kultur ohne Metallbearbeitung:

  • Zwei Königreiche: Die Insel war in zwei Guanartematos (Königreiche) aufgeteilt — Telde im Osten und Gáldar im Westen, jeweils regiert von einem Guanarteme (König).
  • Höhlenwohnungen: Sie lebten in natürlichen und künstlich erweiterten Höhlen (wie in Artenara, Gáldar und Guayadeque) — eine Praxis, die sich als so praktisch erwies, dass sie bis heute fortbesteht.
  • Getreidespeicher: Kollektive Felsenspeicher wie der Cenobio de Valerón dienten der Lagerung von Getreide (vor allem Gerste) und Feigen.
  • Astronomie: Die Höhle von Risco Caído (UNESCO-Welterbe) enthält einen ausgeklügelten Sonnenkalender — ein Beweis für bemerkenswertes astronomisches Wissen.
  • Religion: Die Altkanaren verehrten eine Muttergottheit (Almogarén) und hielten religiöse Zeremonien an heiligen Bergen ab — der Roque Nublo und der Roque Bentayga waren Kultstätten.

Ihre Hauptnahrung war Gofio — geröstetes Getreidemehl, das bis heute das wichtigste kanarische Grundnahrungsmittel ist. Sie hielten Ziegen und Schweine, fischten aber kaum — ein Rätsel, da sie auf einer Insel lebten. Ihre Kleidung bestand aus Ziegenfellen, und sie verwendeten Werkzeuge aus Stein und Knochen.

Die spanische Eroberung

Die Eroberung der Kanaren durch die Spanier war ein brutaler Prozess, der fast ein Jahrhundert dauerte (1402–1496). Gran Canaria war eine der letzten Inseln, die fiel — und leistete erbitterten Widerstand.

Erste Kontakte

Europäische Seefahrer — Genuesen, Portugiesen und Kastilier — erreichten die Kanaren bereits im 14. Jahrhundert. Die Altkanaren wurden von diesen Kontakten überrascht: Sie hatten seit über einem Jahrtausend keine Verbindung zur Außenwelt und kannten weder Schiffe noch Metall. Die ersten europäischen Berichte beschreiben sie als groß, kräftig und von heller Haut — und als tapfere Krieger.

Die Eroberung Gran Canarias (1478–1483)

Am 24. Juni 1478 landete der kastilische Hauptmann Juan Rejón an der Stelle, an der heute Vegueta (Las Palmas) steht. Die Eroberung dauerte fünf blutige Jahre:

  • 1478: Gründung des Real de Las Palmas (heute Vegueta). Die Altkanaren leisten sofort Widerstand.
  • 1479–82: Zermürbungskrieg. Die Spanier haben Pferde, Armbrüste und Metallwaffen, die Altkanaren kämpfen mit Steinen, Holzlanzen und Guerillataktiken in den Bergen. Mehrere spanische Expeditionen werden zurückgeschlagen.
  • 1483: Die entscheidende Schlacht von Ansite: Der letzte Guanarteme Tenesor Semidán ergibt sich (nach Berichten sprang er von einer Klippe, überlebte aber). Hunderte altkanarische Krieger stürzten sich angeblich lieber von den Klippen als sich zu ergeben — der Atis Tirma (Todesschwur). Am 29. April 1483 war die Eroberung abgeschlossen.

Die Folgen waren verheerend: Durch Krieg, eingeschleppte Krankheiten und Versklavung wurde die altkanarische Bevölkerung dezimiert. Viele Überlebende wurden als Sklaven verkauft oder zwangschristianisiert. Ihre Sprache ging verloren, ihre Kultur wurde weitgehend ausgelöscht. Doch ihre Gene leben weiter: DNA-Studien zeigen, dass bis zu 20–30% der kanarischen Bevölkerung heute altkanarische Vorfahren hat.

Kolonialzeit bis heute

Sprungbrett nach Amerika (15.–18. Jahrhundert)

Nach der Eroberung wurde Gran Canaria zum strategischen Zwischenstopp auf dem Weg in die Neue Welt. Christoph Kolumbus machte 1492 in Las Palmas Station, um Schiffe zu reparieren und Vorräte aufzunehmen, bevor er Amerika entdeckte (sein Aufenthalt ist im Casa de Colón dokumentiert). In den folgenden Jahrhunderten wurde Las Palmas zu einem der wichtigsten Häfen des Atlantiks — ein Knotenpunkt für den Handel zwischen Europa, Afrika und Amerika.

Zucker, Wein & Cochineal

Gran Canarias Wirtschaft durchlief mehrere Zyklen:

  • Zucker (15.–16. Jh.): Zuckerrohrplantagen brachten enormen Reichtum — die prächtigen Kolonialhäuser in Vegueta stammen aus dieser Zeit.
  • Wein (16.–18. Jh.): Kanarische Weine (besonders der „Canary Sack") waren in England legendär — Shakespeare erwähnt sie in seinen Werken.
  • Cochineal (19. Jh.): Schildläuse auf Kaktusfeigen lieferten den begehrten roten Farbstoff Karmin. Als synthetische Farben aufkamen, brach die Wirtschaft ein.
  • Bananen (ab 1880): Der Bananenexport nach Europa wurde zur Lebensader der Inseln — und ist es teilweise noch heute.

Tourismus & Moderne

Der Tourismus begann in den 1960er Jahren, als skandinavische und deutsche Reiseveranstalter den Süden Gran Canarias als Winterdestination entdeckten. Maspalomas und Playa del Inglés wurden aus dem Nichts hochgezogen — die Bettenburglandschaft, die heute den Süden prägt, entstand in dieser Zeit. Seit den 1990ern setzt Gran Canaria verstärkt auf nachhaltigen Tourismus, Kultur und Natur: Die UNESCO-Anerkennung der heiligen Berge (2019) und die Ausweisung von 46% der Inselfläche als Biosphärenreservat sind wichtige Meilensteine.

Heute hat Gran Canaria ca. 870.000 Einwohner und empfängt jährlich über 4 Millionen Touristen. Die Insel genießt als Teil der Autonomen Gemeinschaft der Kanarischen Inseln weitgehende Selbstverwaltung innerhalb Spaniens — mit eigenem Parlament, Steuerrecht (IGIC statt IVA) und starkem Regionalbewusstsein.

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