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Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Kanadas

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VerstehenKapitel 8: Geschichte Kanadas
Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Kanadas

Kanadas Geschichte ist keine Geschichte der Revolutionen und Kriege, sondern eine des langsamen Zusammenwachsens, der Kompromisse und der ständigen Suche nach Identität zwischen Wildnis und Zivilisation, zwischen Französisch und Englisch, zwischen Kolonialmacht und indigenen Völkern.

Indigene Völker & Erste Kontakte

Lange bevor die ersten Europäer kamen, lebten die First Nations, Inuit und Métis seit mindestens 15.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Kanadas. Über 600 verschiedene Gemeinschaften mit dutzenden Sprachfamilien — von den Haida an der Pazifikküste (berühmt für ihre monumentalen Totempfähle) über die Cree in den Prärien bis zu den Inuit in der Arktis.

Die ersten europäischen Besucher waren Wikinger: Um das Jahr 1000 landete Leif Erikson in L'Anse aux Meadows auf Neufundland — die einzige bestätigte nordische Siedlung in Nordamerika, 500 Jahre vor Kolumbus. Die Siedlung wurde nach wenigen Jahren aufgegeben.

1497 erreichte der italienische Seefahrer Giovanni Caboto (John Cabot) im Auftrag der englischen Krone Neufundland. 1534 erkundete Jacques Cartier den Sankt-Lorenz-Strom und beanspruchte das Land für Frankreich — er nannte es „Canada", abgeleitet vom Irokesen-Wort „kanata" (Dorf). 1608 gründete Samuel de Champlain Québec City — die erste dauerhafte französische Siedlung in Nordamerika.

Französisch vs. Britisch (1608–1867)

Kanadas Kolonialgeschichte ist geprägt vom Ringen zwischen Frankreich und Großbritannien um die Herrschaft über Nordamerika. Neufrankreich (Nouvelle-France) erstreckte sich vom Sankt-Lorenz-Strom bis Louisiana, während die Briten die Atlantikküste und die Hudson Bay kontrollierten. Der Pelzhandel — vor allem Biberfelle — war der Motor der Kolonisierung: Die Hudson's Bay Company (gegründet 1670, heute Kaufhauskette „The Bay") und die französischen Coureurs des bois (Waldläufer) konkurrierten um die Gunst der indigenen Handelspartner.

1759 kam die Entscheidung: In der Schlacht auf den Abrahamshöhen (Plains of Abraham) vor Québec City besiegten die Briten unter General Wolfe die Franzosen unter Montcalm. Beide Generäle starben in der Schlacht. Mit dem Vertrag von Paris (1763) fiel ganz Neufrankreich an Großbritannien. Aber die französische Kultur überlebte: Der Quebec Act von 1774 garantierte den Frankokanadiern die Beibehaltung ihrer Sprache, ihres Zivilrechts und der katholischen Religion — ein Kompromiss, der Kanada bis heute prägt.

Am 1. Juli 1867 wurde Kanada durch den British North America Act zum eigenständigen Dominion — eine Art unabhängiger Staat innerhalb des britischen Empires. Die vier Gründungsprovinzen: Ontario, Québec, Nova Scotia und New Brunswick. Bis 1949 kamen die restlichen Provinzen hinzu (Neufundland als letzte).

Tipp

Die Plains of Abraham in Québec City sind heute ein wunderschöner Park — ideal zum Picknicken mit Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom. Im Sommer finden hier Festivals und Konzerte statt. Das Musée des plaines d'Abraham erzählt die dramatische Schlachtgeschichte (14 CAD).

Das moderne Kanada (1867–heute)

Kanadas Weg zur vollständigen Unabhängigkeit war typisch kanadisch: kein Krieg, keine Revolution, sondern ein langsamer, höflicher Prozess. 1931 erhielt Kanada mit dem Statut von Westminster die faktische Unabhängigkeit. Erst 1965 bekam das Land seine eigene Flagge (das Ahornblatt — nach hitziger Debatte!). Und erst 1982 wurde die Verfassung vollständig „patriiert" — bis dahin brauchte Kanada theoretisch die Zustimmung des britischen Parlaments für Verfassungsänderungen.

Die großen Themen des modernen Kanadas:

  • Zweisprachigkeit: 1969 wurde der Official Languages Act verabschiedet — Englisch und Französisch sind seitdem gleichberechtigte Amtssprachen auf Bundesebene. Die Spannungen zwischen dem frankophonen Québec und dem anglophonen Rest-Kanada führten 1980 und 1995 zu Referenden über die Unabhängigkeit Québecs — 1995 scheiterte die Abspaltung mit nur 50,6 % zu 49,4 %. Eines der knappsten Ergebnisse der Geschichte.
  • Multikulturalismus: 1971 wurde Kanada das erste Land der Welt, das Multikulturalismus zur offiziellen Regierungspolitik machte. Heute sind über 20 % der Bevölkerung im Ausland geboren — Toronto ist die multikulturellste Stadt der Welt.
  • Aufarbeitung der Kolonialgeschichte: Die Residential Schools — ein System von Internaten, in dem indigene Kinder zwangsweise von ihren Familien getrennt und „assimiliert" wurden (1883–1996!) — sind Kanadas dunklestes Kapitel. Die Truth and Reconciliation Commission (2015) dokumentierte die Misshandlungen und nannte das System einen „kulturellen Genozid". Die Entdeckung von Kindergräbern bei ehemaligen Residential Schools seit 2021 hat das Land zutiefst erschüttert.

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