Saudade — Die portugiesische Seele
Saudade ist das Wort, das Portugal am besten beschreibt — und es ist unübersetzbar. Saudade bedeutet ungefähr: eine tiefe, bittersüße Sehnsucht nach etwas Verlorenem, Fernem oder Vergangenen — aber nicht nur Trauer, sondern gleichzeitig die Freude, geliebt zu haben. Es ist Sehnsucht nach dem Abwesenden, Wehmut über Vergangenes und die Ahnung, dass das Schönste schon vorbei ist — oder noch nicht begonnen hat.
Saudade durchzieht alles Portugiesische: den Fado (die Musik der Saudade), die Literatur (Fernando Pessoa: „Ich bin die Lücke zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin"), die Architektur (bröckelnde Fassaden, die schöner werden, je mehr sie verfallen) und den Alltag (der melancholische Blick aufs Meer, als wartete man auf Schiffe, die nie zurückkommen).
Saudade ist kein Zeichen von Schwäche oder Depression — es ist ein kultureller Reichtum, der das Leben in seiner ganzen Fülle annimmt: mit der Freude kommt der Verlust, mit der Liebe die Sehnsucht, mit dem Sonnenuntergang die Dunkelheit. Für Reisende bedeutet das: Lissabon lässt sich nicht im Eilschritt erobern. Man muss sich Zeit nehmen, um die Stadt zu fühlen — auf einem Miradouro sitzen, einem Fado zuhören, einem alten Mann beim Angeln am Tejo zusehen.