Barbagia & Bergland
Gennargentu — Sardiniens Dach
Das Gennargentu-Massiv ist das höchste Gebirge Sardiniens und das wilde Herz der Insel. Der Punta La Marmora (1.834 m) überragt eine Landschaft aus Granitgipfeln, dichten Steineichenwäldern, duftender Macchia und tiefen Schluchten. Hier oben fühlt man sich nicht wie auf einer Mittelmeerinsel, sondern wie in einer anderen Welt — kühl, still und weitab der Küstenhektik.
Die Wandermöglichkeiten sind vielfältig: Der Aufstieg zum Punta La Marmora ab Desulo oder Fonni (ca. 4–5 Stunden hin und zurück) belohnt mit einem 360-Grad-Panorama über ganz Sardinien — bei klarem Wetter sieht man beide Küsten und Korsika am Horizont. Der Weg führt durch alpine Graslandschaften und vorbei an Quellen, im Frühling blühen Pfingstrosen und Endemiten, die nur hier vorkommen. Im Winter liegt manchmal Schnee auf den Gipfeln — ein surrealer Kontrast zu den Stränden 90 Autominuten entfernt.
Die Supramonte-Hochebene östlich des Gennargentu ist ein wildes Karstplateau mit unterirdischen Flüssen, Grotten und der berühmten Gola Su Gorropu — dem tiefsten Canyon Europas (bis zu 500 Meter tiefe Felswände, an der engsten Stelle nur 4 Meter breit). Die Wanderung zur Gorropu ab dem Ponte Sa Barva (ca. 3 Stunden hin und zurück, mittlere Schwierigkeit) ist eines der eindrucksvollsten Naturerlebnisse Sardiniens. Im Inneren der Schlucht klettert man über Felsbrocken, das Licht wird schmal und die Stille überwältigend.
Für Abenteurer: Die Grotta Su Palu bei Urzulei ist eine der längsten Höhlen Europas, und die Tiscali-Nuraghe — versteckt im Inneren einer eingestürzten Grotte im Supramonte — ist eine der mysteriösesten archäologischen Stätten Sardiniens: ein nuraghisches Dorf, komplett verborgen in einer Doline, das erst 1910 wiederentdeckt wurde. Die Wanderung dorthin (ab Dorgali, ca. 5 Stunden hin und zurück) führt durch atemberaubende Wildnis.
Tipp
Für Wanderungen im Supramonte und zur Gorropu ist ein lokaler Führer empfohlen — die Wege sind teilweise unmarkiert und die Orientierung in der Karstlandschaft schwierig. In Dorgali und Urzulei gibt es mehrere Outdoor-Agenturen, die geführte Touren anbieten (ab 30€ pro Person).
Cala Goloritzé & Golfo di Orosei★★★
Die Cala Goloritzé ist nicht einfach ein Strand — sie ist ein Naturmonument, seit 1995 unter nationalem Schutz und regelmäßig unter den Top 10 der schönsten Strände weltweit gelistet. Die Bucht liegt am südlichen Ende des Golfo di Orosei und ist nur zu Fuß oder per Boot erreichbar — was sie vor Massentourismus schützt und ihren Zauber bewahrt.
Was die Cala Goloritzé einzigartig macht: Die Aguglia, eine 143 Meter hohe, nadelspitze Felssäule, ragt direkt neben dem Strand aus dem Fels — eine natürliche Skulptur, die Kletterer aus aller Welt anzieht. Das Wasser ist so klar, dass Boote zu schweben scheinen. Der Strand besteht aus kleinen weißen Kieselsteinen, und eine Süßwasserquelle sprudelt direkt am Ufer aus dem Fels — ein geologisches Wunder.
Anreise zu Fuß: Die Wanderung beginnt auf der Hochebene Golgo bei Baunei (Parkplatz am Agriturismo, 3€) und führt über einen markierten Pfad 3,5 km bergab (ca. 1–1,5 Stunden, 470 Höhenmeter). Der Rückweg bergauf ist anstrengend — genug Wasser mitnehmen! Anreise per Boot: Tagestouren ab Cala Gonone (35–50€) oder Santa Maria Navarrese (30–45€) steuern mehrere Buchten des Golfo di Orosei an und halten auch an der Goloritzé — die schnellste und bequemste Variante.
Der Golfo di Orosei ist insgesamt ein 40 Kilometer langer Küstenabschnitt von wilder Schönheit: Steilklippen aus Kalkstein, die bis zu 500 Meter hoch über dem Meer aufragen, durchbrochen von versteckten Buchten, die nur per Boot erreichbar sind. Die bekanntesten: Cala Luna (halbmondförmig, mit Höhlen im Hintergrund, der „Mondstrand"), Cala Sisine (tief eingeschnittene Bucht mit altem Steinwald), Cala Mariolu (weiße Kiesel, unwirklich blaues Wasser, Schnorchel-Paradies) und Cala Biriola (Steineichenwald bis ans Wasser). Eine Bootstour entlang des gesamten Golfo gehört zu den absoluten Höhepunkten einer Sardinien-Reise.
Orgosolo & Mamoiada — Tradition und Rebellion
Orgosolo hat einen zwiespältigen Ruf: Einst berüchtigt als Banditen-Hochburg der Barbagia (Entführungen, Viehdiebstahl, Familienfehden), ist das Bergdorf heute ein Open-Air-Museum mit über 150 Murales (Wandgemälden), die die Hauswände des Dorfes bedecken. Was in den 1960er-Jahren als politischer Protest begann — ein Lehrer aus Siena malte die ersten Bilder gegen eine geplante Militärbasis — entwickelte sich zu einer einzigartigen Kunstform, die Geschichte, Politik und sardische Identität auf die Straße bringt.
Die Murales erzählen von sardischem Widerstand gegen Fremdherrschaft, von Bauernkämpfen und Landreform, vom Banditentum als sozialer Rebellion, von internationaler Politik (Che Guevara, Mandela, Palästina) und vom sardischen Alltag. Ein Spaziergang durch Orgosolo ist wie eine Lektion in Gegenkultur und sardischem Stolz. Das Dorf liegt auf 620 Metern Höhe im Supramonte, umgeben von Steineichenwäldern und Schafweiden — eine Welt, die Welten entfernt scheint von der Costa Smeralda, nur 100 Kilometer weiter nördlich.
Mamoiada, 15 Kilometer westlich, ist Heimat einer der ältesten und faszinierendsten Karnevalstraditionen Europas: der Mamuthones und Issohadores. Die Mamuthones tragen schwarze Holzmasken mit verzerrten Zügen und bis zu 30 Kilogramm schwere Kuhglocken (Campanacci) auf dem Rücken, mit denen sie in einem hypnotischen Rhythmus durch die Straßen stampfen. Die Issohadores in roten Jacken schwingen Lassos (Soha) und „fangen" Zuschauer ein. Der Ursprung des Brauchs verliert sich im Dunkel der Vorgeschichte — die Masken könnten dionysische Riten, Tiergottheiten oder Fruchtbarkeitskulte darstellen.
Das Museo delle Maschere Mediterranee in Mamoiada zeigt die Maskentraditionen Sardiniens und des gesamten Mittelmeerraums — ein faszinierendes Museum, das die archaische Seele der Insel greifbar macht. Der Karneval findet am 17. Januar (Sant'Antonio Abate) und an Faschingssonntag und -dienstag statt — wer diese Termine erwischt, erlebt ein Sardinien, das kein Reiseführer adäquat beschreiben kann.
Tipp
Orgosolo und Mamoiada lassen sich gut als Tagesausflug kombinieren — beide Orte liegen nur 15 km auseinander. In Orgosolo unbedingt in einer der einfachen Trattorien essen: Porceddu, Culurgiones und Pecorino direkt vom Hirten, dazu ein Glas Cannonau. Hier isst du das authentischste Essen Sardiniens.
Cala Gonone & Dorgali
Cala Gonone ist das Tor zum Golfo di Orosei und der perfekte Badeort für alle, die Natur und Komfort verbinden wollen. Der kleine Hafen liegt eingebettet zwischen Kalksteinfelsen an der Ostküste und ist Ausgangspunkt für Bootstouren zu den Traumstränden des Golfo. Einst ein abgelegenes Fischerdorf (die Straße nach Dorgali wurde erst 1949 gebaut), ist Cala Gonone heute ein entspannter Badeort mit Hotels, Restaurants und Tauchschulen — aber ohne den Trubel der Costa Smeralda.
Der Hausstrand von Cala Gonone ist klein und kieselig, aber die Umgebung entschädigt: Die Grotta del Bue Marino (erreichbar per Boot, 5 km südlich) war die letzte Zuflucht der Mittelmeer-Mönchsrobbe (Bue Marino = Meeresochse) auf Sardinien. Die Höhle erstreckt sich über 15 Kilometer ins Innere der Klippe und begeistert mit Stalaktiten, einem unterirdischen See und neolithischen Tanz-Gravuren an den Wänden. Nördlich von Cala Gonone liegt die Cala Fuili — eine intime Bucht mit weißen Kieseln und türkisem Wasser, erreichbar per Auto oder einem kurzen Fußweg.
Dorgali, das Bergdorf 5 km oberhalb von Cala Gonone (200 m über dem Meer), ist das kulturelle Zentrum der Region: Bekannt für Lederhandwerk, Keramik und Cannonau-Wein (einige der besten Produzenten der Insel sind hier ansässig), hat Dorgali eine gepflegte Altstadt mit Werkstätten und Kellereien. Die Serra Orrios, eine nuraghische Siedlung mit über 70 Rundhütten und zwei Tempel-Bezirken, liegt 10 km westlich und zeigt, wie die bronzezeitlichen Sarden lebten — eines der besterhaltenen Nuraghendörfer der Insel.
Für Outdoor-Enthusiasten ist die Region ein Paradies: Klettern an den Kalksteinwänden der Codula di Luna, Canyoning in der Codula di Fuili, Höhlen-Trekking in der Grotta Su Palu, Mountainbiken auf den Hirtenpatden des Supramonte und Tauchen an der Steilküste des Golfo — Cala Gonone ist Sardiniens Outdoor-Hauptstadt.
War dieses Kapitel hilfreich?
