Alghero, Bosa & der Westen
Alghero — Die katalanische Perle
Alghero ist einzigartig in Sardinien — und in ganz Italien. Die Stadt an der Nordwestküste wurde im 14. Jahrhundert von den Katalanen kolonisiert und hat sich bis heute ihren katalanischen Charakter bewahrt. In der Altstadt hört man noch den Algheresisch (einen katalanischen Dialekt), Straßenschilder sind zweisprachig, und die Architektur erinnert mit ihren gotischen Fenstern und schmiedeeisernen Balkonen mehr an Barcelona als an Cagliari.
Die Altstadt (Città Vecchia) ist eine Festung auf einer Halbinsel, umgeben von mächtigen Stadtmauern und sieben Türmen, die direkt über dem Meer thronen. Die Bastioni (Stadtmauern) bilden eine der schönsten Uferpromenaden Sardiniens — hier flaniert man bei Sonnenuntergang über dem Meer, vorbei an den Türmen Torre di San Giovanni und Torre della Polveriera, mit Blick auf das Capo Caccia am Horizont. In den Gassen dahinter finden sich gotische Kirchen (die Cattedrale di Santa Maria mit ihrem achteckigen Glockenturm), Korallengeschäfte (Alghero ist die „Korallenstadt" — die rote Koralle des Capo Caccia wird seit Jahrhunderten zu Schmuck verarbeitet), Weinstuben und Fischrestaurants.
Die Riviera del Corallo (Korallenküste) erstreckt sich nördlich und südlich von Alghero: Lange Sandstrände wie der Lido di Alghero und die Spiaggia di Maria Pia (ein Pinienhain direkt am feinen Sand) liegen nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt. Die Buchten nördlich der Stadt (Mugoni, Lazzaretto) bieten klares Wasser und sind weniger überlaufen. Alghero ist auch ein ausgezeichneter Tauch-Spot — die Unterwasserhöhlen am Capo Caccia und die roten Korallenriffe sind bei Tauchern aus ganz Europa beliebt.
Im Hinterland von Alghero liegt die Nekropole von Anghelu Ruju — eine der größten prähistorischen Grabstätten des Mittelmeers mit 38 Felsengräbern (Domus de Janas, „Feenhäuser") aus der Jungsteinzeit (3300–2700 v. Chr.). Und nur 20 Minuten entfernt befindet sich die Nuraghe Palmavera — eine gut erhaltene bronzezeitliche Siedlung mit Rundturm und Versammlungshütte.
Tipp
Alghero ist der perfekte Ort, um abends in der Altstadt am Meer zu sitzen und einen Aperitivo auf den Bastioni zu genießen, während die Sonne hinter dem Capo Caccia untergeht. Das ist einer der schönsten Sonnenuntergänge Sardiniens.
Neptungrotte — Kathedrale aus Stein★★★
Die Grotta di Nettuno (Neptungrotte) am Capo Caccia ist eine der spektakulärsten Tropfsteinhöhlen des gesamten Mittelmeers und Sardiniens meistbesuchte Naturattraktion. Die gewaltige Höhle erstreckt sich über vier Kilometer ins Innere der Steilklippe (ca. 200 Meter sind zugänglich) und beherbergt einen unterirdischen Salzsee (Lago La Marmora), massive Stalaktiten und Stalagmiten sowie Kalksteinformationen, die wie die Säulen einer gotischen Kathedrale wirken.
Die Höhle ist auf zwei Wegen erreichbar — und beide sind ein Erlebnis für sich. Per Boot ab Alghero (ca. 25 Min., 16€ hin/rück + 13€ Eintritt) fährt man an der zerklüfteten Küste des Capo Caccia entlang, vorbei an Klippen, Meeresgrotten und Wildnis, bis zum Höhleneingang auf Meeresniveau. Zu Fuß über die berühmte Escala del Cabirol (Treppe der Rehe): 654 Stufen, in den Fels gehauen, führen an der Steilklippe des Capo Caccia 110 Meter hinunter zum Höhleneingang. Der Abstieg ist spektakulär — der Aufstieg schweißtreibend, aber mit unvergesslichen Ausblicken über die Küste.
Im Inneren der Höhle beeindrucken die Orgelpfeifen-Stalaktiten, die riesige Säule „Acquasantiera" (Weihwasserbecken), Säle mit Namen wie „Salone delle Rovine" und „Tribuna della Musica", und der stille, dunkelgrüne See, dessen Wasseroberfläche die Tropfsteine spiegelt. Die Temperatur in der Höhle liegt konstant bei 16°C — eine Jacke mitbringen! Die Führung dauert ca. 35 Minuten und ist auf Italienisch und Englisch verfügbar.
Das Capo Caccia selbst ist ein Naturschutzgebiet von wilder Schönheit: 168 Meter hohe Steilklippen, Gänsegeier (einer der wenigen Brutplätze in Italien), Macchia und ein Leuchtturm am Ende der Straße. Die Fahrt von Alghero zum Capo (25 km) ist bereits eine Panoramaroute durch Pinienwald und Olivenhaine.
Achtung
Die Bootsfahrt zur Neptungrotte wird bei Seegang (Mistral-Wind) abgesagt — vorher das Wetter prüfen. Alternativ über die Escala del Cabirol gehen. Die 654 Stufen sind bei Hitze anstrengend — früh morgens oder am späten Nachmittag empfohlen. Genug Wasser mitnehmen!
Bosa — Sardiniens farbigstes Dorf
Bosa ist eine der malerischsten Kleinstädte Sardiniens — und des gesamten Mittelmeers. Am Ufer des Fiume Temo (Sardiniens einzigem schiffbaren Fluss) schmiegen sich pastellfarbene Häuser in Rosa, Ocker, Himmelblau und Lavendel an einen Hügel, überragt von der Burg Malaspina (12. Jahrhundert, benannt nach der toskanischen Adelsfamilie). Das Bild von Bosa — der Fluss, die bunten Häuser, die Burg darüber — gehört zu den ikonischsten Sardiniens.
Die Altstadt (Sa Costa) besteht aus steilen, verwinkelten Gassen, die sich den Hügel zur Burg hinaufziehen. Hier stehen jahrhundertealte Steinhäuser, blühende Bougainvillea hängt über den Balkonen, und Katzen sonnnen sich auf warmen Treppenstufen. In der Burg Malaspina finden sich die Überreste einer gotischen Kapelle (Nostra Signora de Sos Regnos Altos) mit seltenen Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Von den Zinnen bietet sich ein Panorama über die Dächer, den Fluss und die Berge im Hinterland.
Am Flussufer reihen sich die Sas Conzas — ehemalige Gerbereien aus dem 18./19. Jahrhundert, heute teils zu Kunstgalerien und Kulturzentren umgebaut. Bosa ist auch bekannt für seine Malvasia di Bosa — einen bernsteinfarbenen Dessertwein, der nach alter Methode in Kastanienfässern reift und zu den besten Süßweinen Italiens zählt. Eine Verkostung in einer der kleinen Kellereien gehört zum Bosa-Erlebnis.
Die Küstenstraße von Alghero nach Bosa (SP105, 45 km) ist eine der spektakulärsten Küstenstraßen Sardiniens: Sie schlängelt sich über Klippen, durch Macchia und vorbei an einsamen Buchten, mit dem tiefblauen Meer 100 Meter unter dir. Der Strand Bosa Marina am Flussmündungsgebiet ist breit, sandig und familienfreundlich, mit einer alten Inselkirche (Isola Rossa) am südlichen Ende.
Tipp
Die Küstenstraße SP105 von Alghero nach Bosa ist Pflicht für jeden Sardinien-Roadtrip — eine Stunde pures Panorama. Am besten nachmittags Richtung Süden fahren, wenn das Licht die Klippen in Gold taucht. In Bosa angekommen: Malvasia-Verkostung und Abendessen am Flussufer.
Sinis-Halbinsel, Tharros & Is Arutas★★
Die Sinis-Halbinsel westlich von Oristano ist eines von Sardiniens bestgehüteten Geheimnissen: eine flache, windgepeitschte Landschaft aus Dünen, Lagunen und Reisfeldern, die an die Camargue erinnert. Hier treffen Archäologie, Natur und geologische Wunder aufeinander — und die Touristenmassen bleiben fern.
Tharros ist eine der faszinierendsten Ausgrabungsstätten Sardiniens: Die phönizisch-römische Stadt (8. Jh. v. Chr.–11. Jh. n. Chr.) liegt auf einer schmalen Landzunge mit Blick auf das Meer zu beiden Seiten. Die Überreste umfassen phönizische Tempelanlagen, römische Thermen mit Mosaiken, Straßen, Zisternen und Säulen — alles vor der Kulisse des tiefblauen Meers und des spanischen Wachturms Torre di San Giovanni auf dem Hügel darüber. Bei Sonnenuntergang, wenn die Steine golden leuchten und das Meer silbern glitzert, ist Tharros einer der stimmungsvollsten archäologischen Orte des Mittelmeers.
Die Spiaggia di Is Arutas ist ein geologisches Wunder: Statt Sand besteht der Strand aus winzigen Quarzkörnern in Weiß, Rosa, Grün und Bernstein — glatt geschliffen, leuchtend und einzigartig in Europa. Das Wasser ist kristallklar und die Bucht von windschiefen Felsen gerahmt. Achtung: Das Mitnehmen der Quarzkörner ist streng verboten (bis zu 3.000€ Strafe!) — die Bestände haben durch Souvenirsammler bereits gelitten. In der Nähe liegt die Spiaggia di Maimoni mit ähnlichem Quarzstrand, aber noch weniger besucht.
Die Stagno di Cabras (Lagune von Cabras) ist eines der wichtigsten Feuchtgebiete Sardiniens: Flamingos, Seidenreiher und Hunderte Zugvogelarten rasten hier. Das Städtchen Cabras beherbergt das Museo Civico mit den sensationellen Giganten von Mont'e Prama — überlebensgroße Sandsteinfiguren (2,5 m hoch) aus dem 9.–8. Jahrhundert v. Chr., die 1974 zufällig entdeckt wurden und die ältesten großformatigen Steinskulpturen des Mittelmeerraums darstellen. Die restaurierten Krieger, Bogenschützen und Boxer sind ein archäologischer Sensationsfund und allein die Reise nach Cabras wert.
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