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Verstehen · Kapitel 8

Geschichte

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VerstehenKapitel 8: Geschichte
Verstehen · Kapitel 8

Geschichte

Von der römischen Garnison Vindobona über die Türkenbelagerungen, das Habsburger-Imperium und den Wiener Kongress bis zum Anschluss und der Nachkriegszeit — Wiens Geschichte ist eine 2.000 Jahre lange Erzählung von Macht, Musik, Multikulturalität und dem Untergang eines Weltreichs.

Von Vindobona zu den Habsburgern

Die Geschichte Wiens beginnt mit den Römern: Um 15 v. Chr. errichteten sie das Legionslager Vindobona an der Donau — strategisch gelegen an der Nordgrenze des Imperiums. Kaiser Marc Aurel starb hier 180 n. Chr. Reste des Lagers kann man heute noch unter dem Hohen Markt besichtigen.

Babenberger und Stadtgründung

Im 12. Jahrhundert machten die Babenberger Wien zu ihrer Residenz. 1156 wurde Österreich zum Herzogtum erhoben, Wien zur Hauptstadt. Mit dem Lösegeld für Richard Löwenherz (der 1192 auf der Rückkehr vom Kreuzzug in Wien gefangen genommen wurde) wurden die Stadtmauern finanziert.

Die Habsburger (1282–1918)

1282 übernahmen die Habsburger die Herrschaft über Österreich — und behielten sie 636 Jahre, bis zum Ende der Monarchie 1918. Wien wurde zur Hauptstadt eines Imperiums, das zeitweise von Spanien bis Ungarn, von den Niederlanden bis Kroatien reichte. Die wichtigsten Herrscher:

  • Rudolf I. (1282): Begründer der Habsburger-Herrschaft in Österreich.
  • Maria Theresia (1740–1780): Die „Landesmutter" — reformierte das Bildungssystem, baute Schönbrunn aus und führte die Schulpflicht ein. Mutter von 16 Kindern, darunter Marie Antoinette.
  • Franz Joseph I. (1848–1916): 68 Jahre Kaiser — die längste Regentschaft. Unter ihm entstand die Ringstraße, Wien wurde zur Kulturhauptstadt Europas. Sein persönliches Leben war tragisch: Sisis Ermordung, der Selbstmord seines Sohnes Rudolf in Mayerling, die Ermordung seines Neffen Franz Ferdinand in Sarajevo (Auslöser des Ersten Weltkriegs).

Türkenbelagerungen & Wiener Kongress

Die Türkenbelagerungen

Zweimal standen die Osmanen vor Wien — und zweimal hielt die Stadt stand:

  • 1529: Sultan Süleyman der Prächtige belagerte Wien mit 120.000 Mann. Die Stadt hielt — dank der Mauern, des Herbstwetters und des tapferen Widerstands. Wien wurde zum „Bollwerk der Christenheit".
  • 1683: Die zweite, dramatischere Belagerung — 200.000 Osmanen belagerten Wien monatelang. Die Rettung kam durch ein Entsatzheer unter dem polnischen König Jan III. Sobieski. Die legendäre Schlacht am Kahlenberg beendete die osmanische Expansion in Europa für immer. Wiener Kaffeehaus-Legende: Die fliehenden Türken ließen Säcke mit Kaffeebohnen zurück — der Ursprung der Wiener Kaffeehauskultur (historisch umstritten, aber eine schöne Geschichte).

Der Wiener Kongress (1814/15)

Nach der Niederlage Napoleons versammelten sich die Mächtigen Europas in Wien, um die Landkarte des Kontinents neu zu zeichnen. Der Wiener Kongress war auch ein gesellschaftliches Großereignis: „Der Kongress tanzt" — monatelange Bälle, Bankette und Intrigen in der Hofburg und den Palästen. Fürst Metternich orchestrierte eine neue europäische Ordnung, die 100 Jahre hielt. Die Tradition der Wiener Bälle geht auf diese Zeit zurück.

Fin de Siècle, Anschluss & Nachkriegszeit

Wiener Moderne (1890–1918)

Das Fin de Siècle war Wiens goldene Ära — eine Explosion der Kreativität, die die Welt veränderte: Gustav Klimt und Egon Schiele revolutionierten die Kunst, Otto Wagner und Adolf Loos die Architektur, Sigmund Freud die Psychologie, Gustav Mahler und Arnold Schönberg die Musik, Ludwig Wittgenstein die Philosophie. Wien war eine Stadt der 2 Millionen Einwohner — multikulturell (Tschechen, Ungarn, Juden, Polen) und intellektuell explosiv.

Erster Weltkrieg & Zwischenkriegszeit

1918 endete die Monarchie — aus dem Habsburger-Imperium wurde eine kleine Republik, und Wien war plötzlich eine übergroße Hauptstadt eines kleinen Landes. Das „Rote Wien" der 1920er Jahre (sozialdemokratische Stadtregierung) schuf bemerkenswerte Sozialprojekte: Gemeindebauten (Karl-Marx-Hof), Volksbildungseinrichtungen und ein Gesundheitssystem, das weltweit Vorbild wurde.

Der Anschluss (1938)

Am 12. März 1938 marschierten die Nazis in Österreich ein. Hitler sprach vom Balkon der Hofburg zu 250.000 jubelnden Wienern. Was folgte: die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Wiens (65.000 der 200.000 Wiener Juden wurden ermordet), die Zerstörung einer einzigartigen intellektuellen Kultur und sechs Jahre Krieg. Wien wurde im April 1945 von der Roten Armee befreit und bis 1955 von den vier Alliierten besetzt — die Stadt war wie Berlin in vier Sektoren geteilt.

Nachkriegszeit & EU

Der Staatsvertrag 1955 stellte Österreichs Souveränität wieder her — das legendäre „Österreich ist frei!" von Außenminister Figl auf dem Balkon des Belvedere. Österreich erklärte sich neutral, trat 1995 der EU bei (aber nicht der NATO) und Wien wurde zum UN-Standort (neben New York und Genf). Heute ist Wien eine der lebenswertesten Städte der Welt — geprägt von der imperialen Vergangenheit, aber modern, grün und weltoffen.

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