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Verstehen · Kapitel 9

Kaffeehauskultur, Essen & Wein

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VerstehenKapitel 9: Kaffeehauskultur, Essen & Wein
Verstehen · Kapitel 9

Kaffeehauskultur, Essen & Wein

Wien verstehen heißt: die Kaffeehauskultur verstehen, den Unterschied zwischen Schnitzel und Schnitzel kennen und wissen, warum ein Heuriger kein Restaurant ist. Und: warum der Wiener Schmäh keine Beleidigung ist, sondern ein Kompliment.

Die Wiener Kaffeehauskultur

Das Wiener Kaffeehaus ist seit 2011 UNESCO-Immaterielles Kulturerbe — und das zu Recht. Es ist nicht einfach ein Café — es ist eine Lebensform: ein Ort, an dem man stundenlang sitzt, Zeitung liest, schreibt, diskutiert, trödelt und das Leben beobachtet. Der Herr Ober (nie „Kellner"!) bringt den Kaffee auf einem Silbertablett mit einem Glas Wasser — und niemand drängt dich zum Gehen oder Nachbestellen. „Die Wiener gehen nicht ins Kaffeehaus, um Kaffee zu trinken — sie gehen, um im Kaffeehaus zu sein."

Die wichtigsten Kaffee-Sorten

  • Melange: Wiens Standardkaffee — Espresso mit aufgeschäumter Milch. Ähnlich wie Cappuccino, aber wienerischer.
  • Kleiner/Großer Brauner: Espresso (klein) oder verlängerter Espresso (groß) mit einem Schuss Milch.
  • Kleiner/Großer Schwarzer: Espresso ohne Milch — pur und stark.
  • Einspänner: Doppelter Mokka im Glas, gekrönt mit einer Haube Schlagobers (Schlagsahne). Der Name kommt von den Einspänner-Kutschern, die den Kaffee mit einer Hand trinken konnten.
  • Fiaker: Schwarzer Kaffee mit Rum oder Kirschwasser und Schlagobers. Benannt nach den Fiaker-Kutschern.
  • Kapuziner: Schwarzer Kaffee mit einem Hauch Schlagobers — die Farbe der Kapuzinerkutte.

Die legendären Kaffeehäuser

  • Café Central (Herrengasse 14): Hier saßen Freud, Trotzki, Peter Altenberg und Karl Kraus. Gewölbedecken, Marmorsäulen und eine Figur von Peter Altenberg am Eingang. Touristisch, aber unwiderstehlich. Melange: ca. 6€.
  • Café Sperl (Gumpendorfer Straße 11): Das Lieblingscafé der Wiener Intellektuellen — authentischer als das Central, weniger Touristen, patinierte Samtbänke und die beste Atmosphäre der Stadt. Sonntags: Live-Klaviermusik.
  • Café Hawelka (Dorotheergasse 6): Die legendäre Bohème-Kneipe — eng, rauchig (früher), vollgestopft mit Kunst und Geschichte. Berühmt für die Buchteln (gefüllte Hefekuchen), die abends ab 22 Uhr serviert werden.
  • Demel (Kohlmarkt 14): Die k.u.k. Hofzuckerbäckerei — keine Melange, sondern Torte: Sachertorte (die andere!), Dobostorte, Punschkrapfen. Die Vitrine ist eine Versuchung in Schokolade und Zucker.

Tipp

In einem echten Wiener Kaffeehaus sagt man „Herr Ober!", nicht „Entschuldigung". Das Glas Wasser kommt immer dazu — kostenlos und automatisch. Und: Bestelle NIEMALS „einen Kaffee" — das gibt es in Wien nicht. Sag was du willst: Melange, Brauner, Schwarzer. Der Ober wird es respektieren.

Wiener Küche

Die Wiener Küche ist ein Spiegel der multikulturellen Habsburger-Monarchie — böhmische Knödel, ungarischer Gulasch, italienische Einflüsse und österreichische Grundtugenden verschmelzen zu einer einzigartigen Küche, die deftig, raffiniert und unwiderstehlich ist.

Die wichtigsten Gerichte

  • Wiener Schnitzel: DAS österreichische Nationalgericht. Kalbfleisch (nicht Schwein — das wäre ein „Wiener Schnitzel vom Schwein"), dünn geklopft, in Mehl, Ei und Semmelbröseln paniert und in Butterschmalz schwimmend ausgebacken. Die Panade muss „soufflieren" — sich wellenförmig vom Fleisch lösen. Dazu: Petersilienkartoffeln und Preiselbeeren. Im guten Restaurant: 16–24€. Die Referenz: Figlmüller (Wollzeile 5) — Schnitzel, das über den Tellerrand hängt. Reservierung Pflicht!
  • Tafelspitz: Gekochtes Rindfleisch mit Apfelkren (Meerrettich) und Schnittlauchsauce — Kaiser Franz Josephs Lieblingsgericht. Er aß es angeblich jeden Tag. Am besten im Plachutta. 18–28€.
  • Gulasch: Die Wiener Version des ungarischen Gulyás — langsam geschmortes Rindfleisch in Paprikasauce mit Semmelknödel oder Nockerl. Im Beisl: 12–16€.
  • Sachertorte: Schokoladenkuchen mit Marillenmarmelade und Schokoladenglasur — 1832 von Franz Sacher für Fürst Metternich erfunden. Der Streit zwischen Hotel Sacher und Demel um die „echte" Sachertorte ist Wiener Folklore. Stück: 8–9€.
  • Kaiserschmarrn: Zerrissener Pfannkuchen mit Rosinen, Puderzucker und Zwetschgenröster. Benannt nach Kaiser Franz Joseph (eine weitere Legende). Als Hauptgericht oder Dessert. 10–14€.
  • Apfelstrudel: Hauchdünner Strudelteig (man muss die Zeitung durchlesen können!), gefüllt mit Äpfeln, Rosinen, Zimt und Semmelbröseln. Am besten warm mit Vanillesauce. Stück: 5–7€.
  • Käsekrainer: Die Wiener Bratwurst mit eingeschmolzenem Käse — serviert am Würstelstand mit Senf und Brot. Die Wiener Institution für 2 Uhr nachts. 4–5€.

Beisl — Wiens Seele

Ein Beisl ist Wiens Version der Kneipe — eine einfache, oft familiengeführte Gaststätte mit dunklem Holz, Stammtisch, handgeschriebener Tageskarte und ehrlicher Wiener Küche. In einem Beisl isst du Schnitzel, Gulasch und Tafelspitz zu fairen Preisen — und erlebst den Wiener Schmäh (den hintergründigen Wiener Humor, der als Beleidigung getarnte Zuneigung ist). Mittagsmenü: 9–14€.

Heurige — Wein am Stadtrand

Die Heurigen sind Wiens einzigartigste kulinarische Tradition — und der Grund, warum Wien die einzige Millionenstadt der Welt mit 700 Hektar Weinbergen im Stadtgebiet ist. Ein Heuriger ist eine Buschenschank (Straußwirtschaft), in der der Winzer seinen eigenen neuen Wein (den „Heurigen") ausschenkt — erkennbar am Buschen (Föhrenzweig oder Strohkranz) über dem Eingang.

Wie funktioniert ein Heuriger?

Man setzt sich — oft unter Weinreben im Gastgarten, mit Blick über die Weinberge — und bestellt Wein (Viertel = 0,25l, ab 3,50€) und Essen vom Buffet: kalte Platten mit Liptauer (gewürzter Frischkäse), Verhackertem (Speckaufstrich), Schweinsbraten, Schinken, Salaten und Brot. Das Essen holt man sich selbst, der Wein wird gebracht.

Die besten Heurigen-Viertel

  • Grinzing (19. Bezirk): Das bekannteste Heurigen-Dorf — touristisch, aber atmosphärisch mit Blick auf die Weinberge. Buslinie 38A vom Schottentor.
  • Nussdorf (19. Bezirk): Ruhiger und lokaler als Grinzing — Wiens ältestes Weindorf mit hervorragenden Heurigen wie Heuriger Mayer am Nussberg.
  • Neustift am Walde (19. Bezirk): Preis-Leistungs-Champion — weniger Touristen, gleiche Qualität. Fuhrgassl-Huber und 10er Marie sind Institutionen.
  • Stammersdorf (21. Bezirk): Am anderen Donauufer — das größte Weinbaugebiet Wiens, am wenigsten touristisch. Perfekt für einen authentischen Abend.

Wiener Weine

  • Grüner Veltliner: Österreichs Leit-Rebsorte — frisch, pfeffrig, vielseitig. Im Heurigen als offener Wein.
  • Gemischter Satz: Wiener Spezialität — verschiedene Rebsorten, gemeinsam angebaut, gemeinsam geerntet und vergoren. Seit 2013 DAC (geschützte Herkunft). Wiens eigener Wein.
  • Sturm: Frisch vergorener Most — nur im September/Oktober. Trüb, süß, tückisch (der Alkoholgehalt ist höher, als man denkt). Ein Muss in der Heurigen-Saison.

Tipp

Die beste Heurigen-Strategie: Nimm die Straßenbahn oder den Bus nach Grinzing, Nussdorf oder Neustift, iss und trink beim Heurigen und wandere danach durch die Weinberge zurück — der Weg über den Kahlenberg bietet einen spektakulären Sonnenuntergangsblick über Wien. Alternativ: Bus 38A zum Kahlenberg, Aussicht genießen, dann bergab zum Heurigen.

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