Geschichte & Kultur
Entdeckung & Besiedelung
Madeira war unbewohnt, als die portugiesischen Seefahrer João Gonçalves Zarco und Tristão Vaz Teixeira die Insel 1419 (Porto Santo) und 1420 (Madeira) offiziell für Portugal in Besitz nahmen. Allerdings war die Insel den Europäern bereits bekannt — auf einer genuesischen Karte von 1351 ist sie als „Isola della Legname" (Holzinsel) verzeichnet. Der Name Madeira bedeutet auf Portugiesisch ebenfalls „Holz" — denn die Insel war bei der Ankunft der Portugiesen vollständig mit dichtem Lorbeerwald bedeckt.
Die große Brandrodung
Um Land für die Besiedelung und den Ackerbau zu gewinnen, setzten die portugiesischen Kolonisten die Wälder in Brand — einer Legende nach brannte das Feuer sieben Jahre lang. Auch wenn diese Zahl übertrieben ist, vernichtete die Brandrodung einen Großteil des ursprünglichen Waldes und verwandelte die fruchtbare Vulkanerde in eines der produktivsten Agrargebiete des Atlantiks. Der verbliebene Lorbeerwald im Norden — der heutige UNESCO-Weltnaturerbe Laurissilva — ist das, was von dieser urtümlichen Vegetation übrig geblieben ist.
Zuckerrohr und Wohlstand
Ab dem 15. Jahrhundert wurde Madeira zum größten Zuckerrohrproduzenten der Welt. Der Zucker machte die Insel sagenhaft reich — die Kirchen von Funchal wurden mit vergoldetem Holz (aus dem Zuckerhandel finanziert) ausgestattet, und die Madeirenser Kaufleute gehörten zu den wohlhabendsten Europas. Als die Zuckerproduktion im 16. Jahrhundert nach Brasilien abwanderte, stieg Madeira auf Wein um — und der Madeira-Wein wurde zu einem der begehrtesten und teuersten Weine der Welt.
Strategische Bedeutung
Madeiras Lage mitten im Atlantik machte die Insel zu einem strategischen Knotenpunkt: Zwischenstopp auf dem Seeweg nach Afrika, Indien und Amerika, Nachschubstation für die britische Marine (die Briten hatten jahrhundertelang großen Einfluss auf Madeira) und im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Stützpunkt. Der letzte österreichische Kaiser Karl I. lebte hier im Exil und starb 1922 in Monte — sein Grab in der Kirche Nossa Senhora do Monte ist bis heute ein Wallfahrtsort.
Die Levadas — Ingenieurskunst seit 500 Jahren
Die Levadas sind nicht nur Wanderwege — sie sind ein Meisterwerk der Wasserbaukunst, das Madeiras Überleben und Wohlstand seit dem 16. Jahrhundert sichert. Das Problem: Madeiras Nordseite bekommt reichlich Regen (bis zu 3.000 mm/Jahr), die Südseite, wo die meisten Menschen leben und die Landwirtschaft stattfindet, ist relativ trocken (unter 600 mm/Jahr).
Die Lösung: Ein Netzwerk aus offenen Kanälen (Levadas), die das Regenwasser und das Schmelzwasser der Berge vom Norden über die Berge auf die Südseite transportieren. Die ersten Levadas wurden im 16. Jahrhundert von Sklaven und Maurerarbeitern gebaut — unter unvorstellbar gefährlichen Bedingungen: Die Kanäle mussten in steile Felswände gehauen, durch Tunnel getrieben und über Schluchten geleitet werden. Viele Arbeiter kamen dabei ums Leben.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das System massiv ausgebaut — einige Levadas sind über 100 Kilometer lang und durchqueren dabei Dutzende Tunnel und Aquädukte. Heute umfasst das Netzwerk über 2.500 Kilometer und versorgt nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Wasserkraftwerke mit Energie. Die Levadeiros (Kanalwärter) pflegen das System bis heute — sie laufen regelmäßig die gesamte Strecke ab, um Blockaden zu entfernen und Schäden zu reparieren.
Dass die Levada-Wanderwege heute Madeiras größte Touristenattraktion sind, ist ein glücklicher Nebeneffekt: Die schmalen Wartungspfade entlang der Kanäle wurden nie als Wanderwege geplant — sie existieren, damit die Levadeiros ihre Arbeit tun können. Heute sind sie eine der einzigartigsten Wandererfahrungen der Welt.
Madeirensische Identität
Die Madeirenser (Madeirenses) sind Portugiesen — aber mit einem eigenen Inselstolz. Die Autonome Region Madeira hat ein eigenes Regionalparlament, eine eigene Flagge (blau-gelb-blau) und eine eigenständige kulturelle Identität, die sich in Sprache, Musik, Küche und Traditionen zeigt.
Feste & Traditionen
- Festa da Flor (Blumenfest): Im April/Mai verwandelt sich Funchal in ein Blumenmeer — Blumenparaden, geschmückte Straßen und ein Blumenteppich auf dem Praça do Município. Das wichtigste kulturelle Ereignis des Jahres.
- Silvester-Feuerwerk: Das Feuerwerk über dem Hafen von Funchal gehört laut Guinness-Buch zu den größten der Welt — 30 Minuten Pyrotechnik von Dutzenden Abschusspunkten rund um die Bucht. Hotels sind Monate vorher ausgebucht.
- Karneval: Im Februar — einer der besten außerhalb Brasiliens. Samba-Umzüge, Kostüme und eine Energie, die Funchals Straßen zum Beben bringt.
- Weinfest (Festa da Vindima): Im September feiert Funchal die Traubenlese — Traubentreten, Volkstänze, Verkostungen in den historischen Weinkellern.
- Arraiais: Traditionelle Volksfeste in den Dörfern, besonders im Sommer — mit Espetada am Lorbeerspieß, Bolo do Caco, Folklore-Tänzen und viel Poncha. Jedes Dorf hat sein eigenes Patronatsfest.
Musik & Folklore
Madeiras traditionelle Musik verbindet portugiesischen Fado mit eigenständigen Inselklängen. Das typische Instrument ist der Braguinha (auch Machete de Braga) — eine kleine, viersaitige Gitarre, die die Portugiesen im 19. Jahrhundert nach Hawaii brachten, wo sie sich zur Ukulele weiterentwickelte. Ja, die Ukulele hat ihren Ursprung auf Madeira!
Berühmte Madeirenser
Der berühmteste Sohn der Insel ist zweifellos Cristiano Ronaldo — geboren 1985 in Funchal. Der Flughafen trägt seinen Namen (seit 2017), und in der Stadt steht ein Museum (CR7 Museu, Eintritt 5€) und eine Bronzestatue am Hafen. Historisch bedeutsam: João Gonçalves Zarco (Entdecker Madeiras, Statue im Zentrum Funchals) und Alberto João Jardim (legendärer Regionalpräsident, 1976–2015, der Madeira modernisierte).
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