Der Norden — Santana, Porto Moniz & Lorbeerwälder
Santana — Strohschmuckhäuser & Urwald
Santana ist Madeiras ikonischstes Dorf — nicht wegen seiner Größe (ca. 3.500 Einwohner), sondern wegen seiner berühmten Casas de Colmo: dreieckige, strohgedeckte Häuschen mit leuchtend bunt gestrichenen Türen und Fensterrahmen, die wie aus einem Märchenbuch wirken. Diese traditionellen Bauernhäuser, deren Form bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, sind das Wahrzeichen Madeiras schlechthin.
Im Parque Temático da Madeira am Ortsrand wurden mehrere Casas de Colmo restauriert und zeigen das traditionelle Landleben der Insel. Der Themenpark (Eintritt 10€) bietet auch einen Spazierweg durch einheimische Flora und eine multimediale Ausstellung zur Geschichte und Kultur Madeiras. Einige wenige authentische Casas de Colmo stehen noch im Dorf selbst — sie werden bewohnt und sind kein Museum, also respektvoll fotografieren.
Die Umgebung von Santana ist ein Wanderparadies: Von hier starten die Levada-Wanderungen zum Caldeirão Verde (eine der schönsten Madeiras, siehe Levada-Kapitel) und zum benachbarten Caldeirão do Inferno. Die Landschaft ist üppig grün — dichte Lorbeerwälder, Baumfarne, Moospolster und Nebelbänke, die durch die Bäume wabern. Santana liegt im Herzen des UNESCO-Weltnaturerbe Laurissilva — des größten zusammenhängenden Lorbeerwaldes der Welt.
Die Gemeinde Santana ist seit 2011 UNESCO-Biosphärenreservat — ein Zeugnis für die einzigartige Verschmelzung von Kultur und Natur in dieser Region. Von Santana aus lohnt sich auch ein Ausflug zum Pico Ruivo (1.862 m) über den Zugangsweg von Achada do Teixeira — der kürzeste und einfachste Aufstieg zum höchsten Gipfel Madeiras (ca. 45 Minuten, 2,8 km).
Porto Moniz — Naturpools im Atlantik
Porto Moniz liegt an der äußersten Nordwestspitze Madeiras und ist berühmt für seine natürlichen Meerwasserbecken (Piscinas Naturais) — Pools aus schwarzem Vulkangestein, die natürlich mit Atlantikwasser gefüllt werden und in denen du zwischen den Wellen des offenen Ozeans sicher schwimmen kannst. Ein einzigartiges Naturerlebnis.
Die Naturpools
Es gibt zwei Poolanlagen: Die Piscinas Naturais (natürlicher, rustikaler, Eintritt 3€) und das modernere Aquário Natural (mit Umkleiden, Duschen und Sonnenterrasse, Eintritt 3€). In beiden schwimmst du in kristallklarem Meerwasser, während die Atlantikbrandung wenige Meter entfernt gegen die Felsen donnert — spektakulär bei Wellengang! Die Pools sind ganzjährig geöffnet, am schönsten bei Sonnenschein und leichtem Wellengang.
Neben den Pools bietet Porto Moniz ein kleines Aquarium (Centro de Ciência Viva, 7€) mit Fischen der madeirensischen Gewässer und einen beschaulichen Dorfkern mit Restaurants, die fangfrischen Fisch servieren. Die Festung São João Baptista (1730) auf einem Felsen über den Pools bietet einen schönen Blick auf die Küste und beherbergt heute das Aquário.
Die Anfahrt: Die Fahrt von Funchal nach Porto Moniz (ca. 1,5 Stunden) ist selbst ein Erlebnis — die ER101 (alte Küstenstraße) windet sich an steilen Klippen entlang, durch kurze Tunnel und vorbei an Wasserfällen, die direkt auf die Straße stürzen. Haarnadelkurven, einspurige Passagen und das Gefühl, an der Grenze zwischen Land und Ozean zu fahren — eine der spektakulärsten Küstenstraßen Europas. Alternativ: Die schnellere (aber langweiligere) Via Rápida (Autobahn, 1 Stunde).
Tipp
Verbinde Porto Moniz mit São Vicente zu einer Nordküsten-Rundtour: Funchal → Via Rápida nach Porto Moniz (Naturpools, Mittagessen) → Küstenstraße ER101 nach São Vicente (Vulkanhöhlen) → zurück über Encumeada-Pass mit Blick auf beide Küsten. Ein unvergesslicher Tagesausflug.
São Vicente & Vulkanhöhlen
São Vicente liegt am Fuß steiler, grüner Klippen an der Nordküste und ist ein charmanter, ruhiger Ort mit einer hübschen Barockkirche, engen Gassen und einer Handvoll guter Restaurants. Der Hauptgrund für einen Besuch sind die Grutas de São Vicente — Vulkanhöhlen, die vor etwa 890.000 Jahren durch einen Lavafluss entstanden.
Grutas e Centro do Vulcanismo
Die Lavahöhlen erstrecken sich über 700 Meter und können auf geführten Touren besichtigt werden (30–45 Minuten, Eintritt 8€). Die Höhlen zeigen eindrucksvoll, wie das Innere eines erkalteten Lavastroms aussieht: Stalaktiten aus Lava, Magmakammern und bizarre Gesteinsformationen. Dazu gehört das Vulkanismus-Zentrum, ein kleines, aber gut gemachtes Museum, das die vulkanische Entstehung Madeiras erklärt — mit interaktiven Displays und einem simulierten Vulkanausbruch.
Die Umgebung von São Vicente ist ein Paradies für Naturliebhaber: Das Ribeira de São Vicente-Tal schneidet sich tief in die Berge und bietet Wanderwege durch dichte Vegetation entlang des Flusses. Über den Encumeada-Pass (1.007 m) führt die Straße spektakulär zwischen Nord- und Südküste hindurch — bei klarem Wetter siehst du von hier aus beide Küsten gleichzeitig.
Zwischen São Vicente und Porto Moniz liegt der Abschnitt der alten Küstenstraße ER101, der als einer der eindrucksvollsten Straßenabschnitte Europas gilt: Die Straße wurde in die Steilklippen gehauen, überquert tiefe Schluchten auf engen Brücken, und an mehreren Stellen stürzen Wasserfälle direkt auf die Fahrbahn — ein Erlebnis, das man bei Regen am besten erlebt (aber vorsichtig fährt!).
Laurissilva — Der Urwald Europas
Der Laurissilva-Lorbeerwald ist Madeiras grünes Juwel und seit 1999 UNESCO-Weltnaturerbe. Mit über 15.000 Hektar ist er der größte zusammenhängende Lorbeerwald der Welt — ein Relikt aus dem Tertiär, das vor 20 Millionen Jahren ganz Südeuropa bedeckte und heute nur noch auf den Atlantikinseln (Madeira, Azoren, Kanaren) in dieser Form existiert.
Der Wald ist ein lebendiges Fossil: Riesige Lorbeerbäume (Laurus azorica, Ocotea foetens) mit moosbewachsenen Stämmen, Baumfarne, Riesenheidekraut, fleischfressende Pflanzen und eine Stille, die nur vom Tropfen des Wassers und dem Ruf der Madeira-Sturmtaucherblindvögel (einer der seltensten Vögel der Welt) unterbrochen wird. An nebligen Tagen, wenn die Wolken durch die Baumkronen wabern, fühlt sich der Wald an wie ein Ort aus einer anderen Zeit.
Die besten Zugänge zum Lorbeerwald
- Levada do Caldeirão Verde: Die klassische Levada-Wanderung durch den Lorbeerwald (ab Queimadas Forestry Park, 13 km hin und zurück, siehe Levada-Kapitel).
- Vereda dos Balcões: Ein einfacher, kurzer Spazierweg (1,5 km, 30 Minuten) zum Aussichtspunkt Balcões — perfekt für alle, die den Lorbeerwald erleben wollen, ohne stundenlang zu wandern. Der Blick ins grüne Ribeira da Metade-Tal ist atemberaubend.
- Levada do Rei: Eine ruhige, wenig begangene Levada-Wanderung durch den Lorbeerwald ab São Jorge (10 km hin und zurück) — ideal für Vogelbeobachter.
- Fanal: Ein Hochplateau (1.150 m) mit uralten, knorrigen Lorbeerbäumen, die bei Nebel eine gespenstische Atmosphäre erzeugen. Einer der fotogensten Orte Madeiras — Fanal im Nebel sieht aus wie ein Ort aus „Herr der Ringe". Zufahrt per Auto, kurze Spazierwege.
Der Lorbeerwald ist nicht nur schön, sondern lebenswichtig: Er fungiert als natürlicher Schwamm, der die Feuchtigkeit der Passatwolken auffängt und in die Levadas speist — ohne den Wald wäre Madeiras Wasserversorgung zusammengebrochen. Die Aufforstung und der Schutz des Laurissilva sind eines der erfolgreichsten Naturschutzprojekte Europas.
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