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Verstehen · Kapitel 9

Natur & Geologie

Island Reiseführer

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VerstehenKapitel 9: Natur & Geologie
Verstehen · Kapitel 9

Natur & Geologie

Island ist ein geologisches Freilichtmuseum: Vulkane erschaffen neue Landschaften, Gletscher schnitzen Täler, tektonische Platten driften auseinander. Dazu eine einzigartige Tierwelt mit Papageitauchern, Polarfüchsen und Walen.

Vulkanismus & Geothermie

Insel aus Feuer

Island liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, genau dort, wo die Eurasische und die Nordamerikanische Kontinentalplatte auseinanderdriften — 2 cm pro Jahr. Zusätzlich sitzt die Insel über einem Mantle Plume (Hotspot), der heißes Magma aus 2.900 km Tiefe nach oben drückt. Diese doppelte geologische Besonderheit macht Island zu einem der vulkanisch aktivsten Orte der Erde — und zum einzigen Ort, an dem der Mittelatlantische Rücken über Wasser liegt.

Die wichtigsten Vulkane

VulkanHöheLetzter AusbruchBesonderheit
Eyjafjallajökull1.651 m2010Legte den europäischen Flugverkehr lahm. Aschewolke strandete 10 Mio. Passagiere
Hekla1.491 m2000Im Mittelalter „Tor zur Hölle" genannt. Einer der aktivsten Vulkane Islands. Seit 2000 „überfällig"
Katla1.512 m1918Unter dem Mýrdalsjökull. Ausbruch lange überfällig — würde Gletscherfluten auslösen
Fagradalsfjall385 m2021–2023Erster Ausbruch auf Reykjanes seit 800 Jahren. „Touristenvulkan"
Grímsvötn1.725 m2011Unter dem Vatnajökull. Häufigster Ausbrecher Islands
Krafla818 m1975–19849 Ausbrüche in 9 Jahren (Krafla-Feuer). Geothermalkraftwerk am Rand!
Snæfellsjökull1.446 mca. 200 n. Chr.Jules Vernes „Eingang zum Mittelpunkt der Erde"
Askja1.516 m1961Riesiger Krater mit warmem Badesee (Víti). Im Hochland

Geothermie — Islands Superkraft

Die vulkanische Aktivität hat einen gewaltigen Vorteil: Island erzeugt 100% seines Stroms aus erneuerbaren Quellen — 73% aus Wasserkraft und 27% aus Geothermie. Heißes Wasser wird direkt aus der Erde gepumpt und beheizt 90% aller Gebäude in Island. Die Heizkosten sind minimal (ca. 100€/Monat für eine Wohnung), und Gewächshäuser nahe Reykjavík bauen dank Erdwärme sogar Bananen, Tomaten und Gurken an.

Das Hellisheiði-Kraftwerk nahe Reykjavík ist das drittgrößte Geothermalkraftwerk der Welt und nutzt die Wärme des Hengill-Vulkansystems. Es produziert 303 MW Strom und 133 MW Wärme — genug für ganz Reykjavík. Besucher können das angeschlossene Museum besuchen (Geothermal Exhibition, kostenlos).

Gletscher & Eiswelten

Europas größter Gletscher

Etwa 11% der Landesfläche Islands sind von Gletschern bedeckt — ein Anteil, der jedes Jahr sinkt. Island ist das einzige europäische Land mit Gletschern dieser Größenordnung.

Die wichtigsten Gletscher

GletscherFlächeBesonderheit
Vatnajökull7.900 km²Größter Gletscher Europas. So groß wie alle Alpengletscher zusammen! Mehrere aktive Vulkane darunter (Grímsvötn, Bárðarbunga). Jökulsárlón-Lagune am Rand
Langjökull950 km²Zweitgrößter. Künstlicher Eistunnel zum Besuchen (Into the Glacier). Schneemobiltouren auf der Oberfläche
Hofsjökull890 km²Drittgrößter. Im unzugänglichen Hochland, unter dem ein aktiver Vulkan liegt
Mýrdalsjökull590 km²Bedeckt den gefürchteten Katla-Vulkan. Sólheimajökull ist seine bekannteste Gletscherzunge
Snæfellsjökull11 km²Klein, aber berühmt: Jules Vernes „Eingang zum Mittelpunkt der Erde". Nationalpark

Traurige Realität: Islands Gletscher schrumpfen rapide. Der Okjökull (Ok-Gletscher) war 2019 der erste isländische Gletscher, der offiziell für „tot" erklärt wurde — er hatte nicht mehr genug Masse, um sich als Gletscher zu bewegen. Eine Gedenktafel auf dem Berg trägt die Aufschrift „Ein Brief an die Zukunft" und richtet sich an kommende Generationen: „Ok ist der erste isländische Gletscher, der seinen Status als Gletscher verloren hat. In den nächsten 200 Jahren werden voraussichtlich alle unsere Gletscher das gleiche Schicksal erleiden."

Wissenschaftler schätzen, dass bei anhaltender Erwärmung alle isländischen Gletscher bis 2200–2300 verschwunden sein könnten. Für ein Land, das seinen Namen vom Eis hat, eine existenzielle Dimension.

Nordlichter — wann und wo?

Die Aurora Borealis (Nordlichter) ist für viele DER Grund, Island im Winter zu besuchen. Hier die wichtigsten Fakten:

  • Saison: September bis März (je dunkler, desto besser). Die besten Monate: Oktober, Februar und März (statistisch klarster Himmel)
  • Bedingungen: Drei Dinge müssen zusammenkommen: Dunkelheit (kein Mond, keine Stadtbeleuchtung), klarer Himmel (keine Wolken) und Sonnenaktivität (KP-Index ab 2–3, ideal ab 5)
  • Vorhersage: Die Website vedur.is (unter „Aurora forecast") und die App My Aurora Forecast zeigen den KP-Index und die Wolkenbedeckung — die grünen Flächen auf der Karte sind wolkenfrei
  • Beste Orte: Fernab der Stadtbeleuchtung: Þingvellir, die Südküste, Mývatn (Nordisland). Auch direkt aus den heißen Pots der Mývatn Nature Baths oder der Blue Lagoon möglich
  • Farben: Am häufigsten grün (Sauerstoff in 100–300 km Höhe), seltener violett/rot (Stickstoff) und blau. Mit bloßem Auge oft eher grau-grünlich — die Kamera (Langzeitbelichtung!) zeigt die Farben intensiver
  • Touren: Nordlicht-Touren ab Reykjavík (3–5h, ab 7.990 ISK/53€) fahren zu den wolkenfreien Gebieten. Keine Garantie, aber hohe Expertise der Guides

Tipp

Für Nordlichter brauchst du vor allem GEDULD. Prüfe vedur.is am Abend: Wenn die Aurora-Prognose grün ist UND die Wolkenkarte wolkenfreie Gebiete zeigt, fahr raus aus der Stadt. Die besten Nordlichter treten oft zwischen 22 Uhr und 2 Uhr morgens auf. Bringe Stativ, warme Kleidung und eine Thermoskanne Kakao mit. Und vergiss nicht: Auch ohne Nordlichter ist der isländische Sternenhimmel im Winter atemberaubend.

Tierwelt

Papageitaucher — Islands Lieblinge

Der Papageitaucher (Puffin, isländisch: Lundi) ist der inoffizielle Nationalvogel Islands. Etwa 60% der Weltpopulation (ca. 8–10 Millionen Brutpaare) nisten an Islands Klippen, vor allem:

  • Westmännerinseln (Vestmannaeyjar): Die größte Kolonie — Millionen von Vögeln. Erreichbar per Fähre von Landeyjahöfn (35 Min.)
  • Látrabjarg (Westfjorde): Europas westlichster Punkt und spektakuläre 14 km lange Klippen. Die Vögel sind hier extrem zahm
  • Dyrhólaey (Südküste): Am besten vom Festland zugänglich. Papageitaucher in den Klippen direkt unter dem Leuchtturm
  • Borgarfjörður Eystri (Ostisland): Kleine, aber sehr nahe Kolonie. Aussichtsplattform in Armreichweite der Vögel
  • Grímsey (Nordisland): Die einzige isländische Insel auf dem Polarkreis. Papageitaucher, Mitternachtssonne und sonst fast nichts

Die Vögel sind von Mai bis Mitte August an den Brutplätzen. Sie verbringen den Winter auf dem offenen Nordatlantik und kommen nur zum Brüten an Land. Mit ihren bunten Schnäbeln (die im Winter verblassen!), dem tollpatschigen watschelnden Gang und dem hektischen Flügelschlag (sie müssen 400 Mal pro Minute flattern, um in der Luft zu bleiben!) sind sie unwiderstehlich.

Papageitaucher als Essen? Ja, in Island werden Papageitaucher traditionell gegessen — besonders auf den Westmännerinseln, wo sie mit Netzen gefangen werden (ein jahrtausendealtes Verfahren). Das Fleisch erinnert an Wild. Für viele Besucher ein ethisches Dilemma, für Isländer Tradition. Die Population wird sorgfältig überwacht, und die Jagd wird bei niedrigen Zahlen ausgesetzt.

Wale

In den Gewässern um Island leben 23 Walarten:

ArtGrößeWo?Wann?
Buckelwal12–16mHúsavík, AkureyriMai–Oktober
Blauwal25–33mHúsavíkJuni–August
Minkwal7–10mÜberallGanzjährig
Finnwal18–27mWestisland, HúsavíkJuni–September
Orca (Schwertwal)6–8mSnæfellsnes, WestfjordeWinter
Pottwal15–20mSnæfellsnesSelten
Weißschnauzendelfin2–3mÜberallMai–Oktober

Walfang: Island ist eines der wenigen Länder, die noch kommerziellen Walfang betreiben — allerdings zunehmend umstritten. 2023 wurde die Jagd auf Finnwale nach einer Tierschutz-Debatte temporär ausgesetzt, und immer mehr Isländer (besonders die jüngere Generation) befürworten ein Ende des Walfangs. Die Walbeobachtungsindustrie ist wirtschaftlich bereits deutlich bedeutender als der Walfang.

Islandpferd — fünf Gangarten

Das Islandpferd ist eine einzigartige Rasse, die seit über 1.000 Jahren in vollständiger Isolation gezüchtet wird. Im Jahr 982 erließ das Alþingi ein Gesetz, das den Import von Pferden nach Island verbietet — dieses Gesetz gilt bis heute! Ein Islandpferd, das die Insel verlässt, darf nie zurückkehren, selbst wenn es eine internationale Meisterschaft gewinnt.

Die Pferde beherrschen fünf Gangarten (die meisten Pferderassen nur drei oder vier):

  1. Schritt (Fetgangur)
  2. Trab (Brokk)
  3. Galopp (Stökk)
  4. Tölt — die berühmteste Gangart: Ein extrem bequemer Viertaktgang, bei dem der Reiter fast bewegungslos im Sattel sitzt, während das Pferd mit hoher Geschwindigkeit galoppiert. Es ist, als säße man auf einem Sofa, das sich vorwärts bewegt
  5. Pass (Skeið) — ein schneller Zweitaktgang, bei dem die Beine derselben Seite gleichzeitig vorschlagen. Nicht alle Islandpferde beherrschen diesen Gang, und er gilt als die „Königsdisziplin"

Islandpferde sind klein (130–145 cm), robust, wetterfest und unglaublich trittsicher. Reittouren werden überall auf der Insel angeboten — von einstündigen Ausritten (ab 9.000 ISK/60€) bis zu mehrtägigen Herde-Trecks durch das Hochland.

Polarfuchs

Der Polarfuchs (Alopex lagopus) ist das einzige einheimische Landsäugetier Islands — er war schon vor den Wikingern hier, wahrscheinlich über das Eis der letzten Eiszeit eingewandert. Am besten zu beobachten im Hornstrandir-Naturreservat in den Westfjorden (hier sind sie extrem zahm) und am Jökulsárlón. Die Füchse wechseln im Winter zu weißem Fell, im Sommer zu braun — eine perfekte Tarnung.

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