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Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Norwegens

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VerstehenKapitel 8: Geschichte Norwegens
Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Norwegens

Von den Wikingern über die lange Union mit Dänemark und Schweden bis zur friedlichen Unabhängigkeit und dem Ölwunder — Norwegens Geschichte erklärt, warum das Land heute so ist wie es ist.

Wikingerzeit (793–1066)

Die Wikingerzeit ist die Epoche, die Norwegen in der Weltgeschichte verankert hat. Zwischen 793 (Überfall auf das Kloster Lindisfarne in Nordengland) und 1066 (Schlacht bei Stamford Bridge) waren norwegische Wikinger die gefürchtetsten Seefahrer und Krieger Europas — aber auch Händler, Entdecker und Siedler.

Norwegische Wikinger waren vor allem westwärts unterwegs (im Gegensatz zu den schwedischen Warägern, die nach Osten zogen):

  • Irland & Schottland: Gründung von Dublin (841), Besiedlung der Orkney- und Shetland-Inseln
  • Island: Besiedlung ab 874 durch norwegische Auswanderer, Gründung des Althing (930) — des ältesten Parlaments der Welt
  • Grönland: Erik der Rote gründete um 985 Siedlungen an der Südwestküste
  • Nordamerika: Leif Eriksson erreichte um das Jahr 1000 als erster Europäer Nordamerika (Vinland) — fast 500 Jahre vor Kolumbus. Die archäologische Stätte L'Anse aux Meadows in Neufundland bestätigt dies.

Die Wikinger waren keineswegs nur Plünderer. Sie waren hervorragende Schiffsbauer — die drei Wikingerschiffe im Osloer Vikingskipshuset (Osebergschiff, Gokstadschiff, Tuneschiff) zeugen von einer Handwerkskunst, die in Europa ihresgleichen suchte. Sie waren Händler (Pelze, Walross-Elfenbein, Sklaven), Gesetzgeber (Thing-Versammlungen) und Geschichtenerzähler (Sagas).

Harald Hårfagre (Harald Schönhaar) gilt als erster König eines vereinten Norwegens nach der Schlacht am Hafrsfjord bei Stavanger (ca. 872). Olav Haraldsson (Olav der Heilige, regierte 1015–1028) christianisierte Norwegen und wurde nach seinem Tod in der Schlacht bei Stiklestad (1030) zum Nationalheiligen — sein Grab im Nidarosdom in Trondheim ist bis heute ein Wallfahrtsort.

Mittelalter & Dänische Union (1066–1814)

Nach der Wikingerzeit erlebte Norwegen eine Blütezeit im Hochmittelalter: Die Stabkirchen (ca. 1000–1300 erbaut) gehören zu den einzigartigsten Bauwerken Europas — von einst über 1.000 sind heute nur noch 28 erhalten. Bergen wurde zur größten Stadt Skandinaviens und zum Zentrum des Hansekontors.

Der Schwarze Tod (1349) traf Norwegen härter als fast jedes andere europäische Land — schätzungsweise zwei Drittel der Bevölkerung starben. Ganze Täler wurden entvölkert, die Wirtschaft brach zusammen, und Norwegen wurde so geschwächt, dass es in eine Union mit Dänemark gezogen wurde.

Dänisch-norwegische Union (1380–1814)

Über 400 Jahre war Norwegen faktisch eine dänische Provinz — regiert von Kopenhagen, mit Dänisch als Amtssprache. Diese lange Fremdherrschaft erklärt, warum die norwegische Identität so stark um Sprache, Natur und Unabhängigkeit kreist. Norwegens Bodenschätze (Holz, Fisch, Mineralien) flossen nach Dänemark, während das Land selbst arm und dünn besiedelt blieb.

Positiv aus dieser Zeit: Die Hanse machte Bergen zu einer internationalen Handelsstadt, und die norwegische Handelsflotte wurde eine der größten der Welt.

Unabhängigkeit & Moderne (1814–heute)

Die wichtigsten Meilensteine der modernen norwegischen Geschichte:

1814 — Die Verfassung

Nach den Napoleonischen Kriegen musste Dänemark Norwegen an Schweden abtreten. Die Norweger nutzten die Chance: Am 17. Mai 1814 verabschiedeten sie in Eidsvoll eine eigene Verfassung — eine der liberalsten ihrer Zeit. Der 17. Mai ist bis heute Norwegens wichtigster Feiertag (Syttende Mai), gefeiert mit Kinderumzügen, Trachten und Eiscreme — kein Militäraufmarsch, sondern ein Fest der Demokratie.

1814–1905 — Union mit Schweden

Trotz eigener Verfassung wurde Norwegen in eine Union mit Schweden gezwungen. 91 Jahre lang teilte man sich einen König, behielt aber Parlament und Regierung. Es war eine Zeit des nationalen Erwachens: Die Nationalromantik entstand — Edvard Grieg vertonte norwegische Volksmelodien, Henrik Ibsen schrieb Weltliteratur, Fridtjof Nansen eroberte die Arktis, und das Nynorsk (Neunorwegisch) wurde als Alternative zum dänisch geprägten Bokmål geschaffen.

1905 — Friedliche Unabhängigkeit

Am 7. Juni 1905 löste Norwegen die Union mit Schweden auf — friedlich, per Volksabstimmung (368.208 Ja-Stimmen, 184 Nein-Stimmen). Ein dänischer Prinz wurde als Haakon VII. zum norwegischen König gewählt. Die friedliche Unabhängigkeit ist ein Kern der norwegischen Identität.

1940–1945 — Deutsche Besatzung

Am 9. April 1940 überfiel Nazi-Deutschland Norwegen. König Haakon VII. und die Regierung flohen nach London, während Vidkun Quisling eine Marionettenregierung bildete — sein Name wurde zum internationalen Synonym für Kollaborateur. Die Widerstandsbewegung war aktiv, und die Sabotage der Schwerwasserproduktion in Vemork (Telemark) verhinderte möglicherweise den Bau einer deutschen Atombombe. In Tromsø, auf den Lofoten und am Nordkap fanden wichtige Seeschlachten statt.

1969 — Das Ölwunder

Die Entdeckung des Ekofisk-Ölfelds in der Nordsee 1969 veränderte Norwegen für immer. Aus einem bescheidenen Fischerei- und Seefahrtsland wurde eines der reichsten Länder der Welt. Norwegens Geniestreich: Die Öleinnahmen werden im Staatsfonds (Government Pension Fund Global) angelegt — mit über 1,5 Billionen Euro ist er der größte Staatsfonds der Welt. Jeder Norweger ist „Ölmillionär" — zumindest auf dem Papier.

1994 & 1972 — Nein zur EU

Norwegen hat zweimal per Volksabstimmung den EU-Beitritt abgelehnt (1972 und 1994). Die Gründe: Fischereipolitik, landwirtschaftliche Selbstbestimmung, Ölreichtum und ein tiefes Misstrauen gegen Fremdbestimmung (die jahrhundertelange Union mit Dänemark sitzt tief). Norwegen ist aber Mitglied des EWR (Europäischer Wirtschaftsraum) und des Schengen-Raums.

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