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Verstehen · Kapitel 13

Kunst & Azulejos

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VerstehenKapitel 13: Kunst & Azulejos
Verstehen · Kapitel 13

Kunst & Azulejos

Von den blau-weißen Kacheln, die ganze Fassaden schmücken, über die steinernen Seile der Manuelinik bis zur Weltliteratur von Fernando Pessoa — Portugals Kunst ist eigenständig, unverwechselbar und überraschend modern.

Azulejos — Die Kunst der Kacheln

Azulejos sind Portugals markantester visueller Beitrag zur Weltkultur. Diese bemalten, glasierten Keramikfliesen schmücken Kirchen, Paläste, Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen, Hausfassaden, Brunnen und Treppen — sie sind allgegenwärtig und machen jede portugiesische Stadt zu einem Freiluftmuseum.

Der Name „Azulejo" kommt nicht vom portugiesischen „azul" (blau), wie oft angenommen, sondern vom arabischen „az-zulaij" (polierter Stein). Die Mauren brachten die Technik im 15. Jahrhundert nach Portugal, wo sie sich zu einer eigenständigen Kunstform entwickelte, die ihresgleichen sucht.

Die Entwicklung über die Jahrhunderte

  • 15.–16. Jahrhundert: Geometrische, polychrome Muster nach maurischem Vorbild. Prachtvoll zu sehen im Palácio Nacional de Sintra
  • 17. Jahrhundert: Einfluss der niederländischen Delfter Fliesen — die typischen blau-weißen Motive entstehen. Biblische Szenen, historische Schlachten und Alltagsszenen werden auf riesige Kachelbilder übertragen
  • 18. Jahrhundert: Barocke Überschwänglichkeit — ganze Kircheninnenräume werden mit Azulejos verkleidet. Die Igreja de São Lourenço in Almancil (Algarve) ist ein Meisterwerk dieser Epoche
  • 19. Jahrhundert: Fabrikproduktion macht Azulejos erschwinglich — erstmals werden Hausfassaden vollständig damit verkleidet, besonders in Porto und Lissabon
  • 20.–21. Jahrhundert: Zeitgenössische Künstler wie Maria Keil (Lissabonner U-Bahn-Stationen) und Joana Vasconcelos interpretieren die Tradition neu

Die schönsten Azulejo-Orte

Das Museu Nacional do Azulejo in Lissabon (im ehemaligen Kloster Madre de Deus) bietet den besten Überblick — von den Anfängen bis zur Gegenwart. Highlight ist ein 23 Meter langes Panorama Lissabons vor dem Erdbeben von 1755. Der Bahnhof São Bento in Porto (über 20.000 Kacheln, die die portugiesische Geschichte erzählen) ist ein weiteres Muss. Die Kapelle Capela das Almas in Porto und die Fassade der Igreja do Carmo sind ebenfalls spektakulär.

Ein ernstes Problem ist der Azulejo-Diebstahl: Historische Kacheln werden von Fassaden gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Portugal hat deshalb strenge Gesetze zum Schutz von Azulejos erlassen und ein Katalogisierungsprojekt gestartet (SOS Azulejo).

Tipp

In der Fábrica Sant'Anna in Lissabon (seit 1741) und der Fábrica de Cerâmica Viúva Lamego kann man Azulejos beim Entstehen zusehen und handbemalte Kacheln als Souvenir kaufen. Ein einzelnes handbemaltes Azulejo kostet ab ca. 15 €.

Manuelinik — Portugals einzigartiger Baustil

Die Manuelinik (Estilo Manuelino) ist der einzige Baustil, den Portugal der Welt geschenkt hat — und einer der extravagantesten der europäischen Architekturgeschichte. Benannt nach König Manuel I. (1495–1521), verbindet er spätgotische Strukturen mit einer wilden, fast psychedelischen Ornamentik, die direkt von den Entdeckungsreisen inspiriert ist.

Typische manuelinische Motive sind:

  • Seile und Knoten — kunstvoll in Stein gemeißelt, als hätte ein Bildhauer die Takelage eines Schiffes verewigt
  • Armillarsphären — astronomische Navigationsinstrumente, das persönliche Symbol Manuels I. (noch heute im portugiesischen Staatswappen)
  • Kreuz des Christusordens — der Ritterorden, der die Entdeckungsreisen mitfinanzierte
  • Exotische Pflanzen und Tiere — Korallen, Seetang, Artischocken, Granatäpfel, Elefanten, Drachen
  • Nautische Elemente — Anker, Ketten, Muschelformen

Die Meisterwerke

Drei Bauwerke bilden den Kanon der Manuelinik:

Das Mosteiro dos Jerónimos (Hieronymitenkloster) in Belém, Lissabon — ein UNESCO-Welterbe und Portugals prächtigstes Gebäude. Das Südportal und der Kreuzgang sind ein Rausch aus Stein. Vasco da Gama und der Dichter Luís de Camões sind hier begraben.

Der Torre de Belém — eigentlich ein kleiner Wachturm am Tejo, aber mit einer so feinen Ornamentik versehen, dass er wie ein steinernes Schmuckkästchen wirkt. Er ist das Wahrzeichen Lissabons und Portugals.

Das Convento de Cristo in Tomar — das Hauptquartier des Christusordens, über Jahrhunderte erweitert, mit dem berühmten Janela do Capítulo (Kapitelfenster), dem wohl exzentrischsten Fenster der europäischen Architektur: umrahmt von steinernem Seetang, Korallen, Ketten und Seilen.

Auch das unvollendete Kloster von Batalha (Capelas Imperfeitas) zeigt manuelinische Pracht — ein Königsgrab, dessen Kuppel nie fertiggestellt wurde und das heute offen zum Himmel steht.

Fado & moderne Musik

Neben dem Fado (ausführlich im Kapitel „Gesellschaft & Saudade" beschrieben) hat Portugal eine lebendige und vielfältige Musikszene, die weit über die melancholischen Klänge der Alfama hinausgeht.

Fado heute

Der Fado erlebt seit den 2000ern eine Renaissance. Eine neue Generation von Künstlern verbindet die Tradition mit modernen Einflüssen: Mariza (kraftvoll und dramatisch), Ana Moura (sinnlich, hat mit den Rolling Stones gearbeitet), Carminho (traditionsbewusst), Gisela João (rau und intensiv) und António Zambujo (der den Fado mit brasilianischer Musik und Jazz verbindet). Der Fado-Preis „Grande Noite do Fado" in Lissabon ist jedes Jahr im November ein Highlight.

Portugiesische Gitarre

Die Guitarra Portuguesa ist das Instrument des Fado — und ein Klang, den man sofort wiedererkennt. Die zwölfsaitige Zitherngitarre mit ihrem birnenförmigen Korpus erzeugt einen hellen, perlenden Klang, der zwischen Melancholie und Virtuosität changiert. Carlos Paredes (1925–2004) gilt als größter Gitarrista aller Zeiten — sein Album „Guitarra Portuguesa" ist ein Meisterwerk.

Moderne Musik

Portugals Popmusik-Szene ist überraschend kreativ:

  • Madredeus — die Band, die den Film „Lisbon Story" von Wim Wenders musikalisch prägte, verband Fado-Ästhetik mit Art-Pop
  • Buraka Som Sistema — brachten Kuduro (angolanische Tanzmusik) und elektronische Beats zusammen und wurden international erfolgreich
  • Salvador Sobral — gewann 2017 den Eurovision Song Contest mit „Amar pelos dois" — einem stillen, emotionalen Lied, das in einer Ära der Pop-Exzesse wie eine Revolution wirkte
  • Rosalía-Vergleich: Portugals Musikszene öffnet sich zunehmend urbanen Genres. Hip-Hop und Rap auf Portugiesisch (Piruka, Wet Bed Gang) sind bei jungen Portugiesen extrem populär

Festivals spielen eine große Rolle: Das NOS Alive in Lissabon (Juli) ist eines der besten Musikfestivals Europas, mit internationalem Line-up am Tejo. Das Super Bock Super Rock, MEO Sudoeste (Algarve) und Vodafone Paredes de Coura (Minho) runden das Angebot ab.

Zeitgenössische Kunst & Architektur

Portugal hat in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte künstlerische und architektonische Blüte erlebt, die international Anerkennung findet — aber von vielen Reisenden übersehen wird.

Architektur

Zwei portugiesische Architekten haben den Pritzker-Preis (den „Nobelpreis der Architektur") gewonnen:

Álvaro Siza Vieira (Preis 1992) — der Meister der poetischen Moderne. Sein Museu de Serralves in Porto (ein weißer, fließender Bau in einem Park), der Pavillon Portugals bei der Expo 98 (mit dem berühmten Betondach, das wie ein Blatt Papier in der Luft schwebt) und die Wiederaufbau-Projekte im Chiado (Lissabon, nach dem Brand von 1988) sind Ikonen.

Eduardo Souto de Moura (Preis 2011) — arbeitet mit Stein, Beton und Licht. Sein Estádio Municipal de Braga, das in eine Felswand gebaut ist, ist eines der spektakulärsten Fußballstadien der Welt. Das Casa das Histórias Paula Rego in Cascais (mit den markanten roten Betonpyramiden) beherbergt Werke der bedeutendsten portugiesischen Malerin der Gegenwart.

Bildende Kunst

Paula Rego (1935–2022) ist die international bekannteste portugiesische Künstlerin. Ihre figurativen, oft verstörenden Gemälde behandeln Themen wie Unterdrückung, Weiblichkeit und portugiesische Folklore. Die Casa das Histórias in Cascais ist ihr gewidmet.

Joana Vasconcelos ist die Star-Künstlerin der Gegenwart: riesige Installationen aus unerwarteten Materialien — ein Kronleuchter aus Tampons, eine Azulejo-bedeckte Skulptur, ein gehäkeltes Kampfflugzeug. Ihre Werke waren im Versailles und in der Guggenheim-Sammlung zu sehen.

Museen

Die wichtigsten Kunstmuseen:

  • MAAT (Museum für Kunst, Architektur und Technologie) in Lissabon — ein wellenförmiger Bau am Tejo von Amanda Levete, mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst
  • Museu Berardo (Belém, Lissabon) — eine der besten Sammlungen moderner Kunst Europas, mit Werken von Warhol, Pollock, Bacon und Jeff Koons. Eintritt frei
  • Serralves (Porto) — Museum, Park und Kulturzentrum in einem, mit einem starken Programm für zeitgenössische Kunst
  • Museu Nacional de Arte Antiga (Lissabon) — Portugals Kunstmuseum Nr. 1 für alte Meister, mit den berühmten Painéis de São Vicente (um 1470), die das Rätsel der portugiesischen Malerei sind

Literatur — Pessoa, Saramago & die Dichter

Portugal ist ein Land der Dichter und Schriftsteller. Für ein kleines Land hat es eine erstaunlich reiche literarische Tradition, die von mittelalterlicher Troubadour-Poesie bis zur zeitgenössischen Weltliteratur reicht.

Luís de Camões (1524–1580)

Der Nationaldichter Portugals schrieb „Os Lusíadas" (Die Lusiaden) — ein Epos über Vasco da Gamas Reise nach Indien, das als größtes Werk der portugiesischen Literatur gilt. Camões war selbst Seefahrer und Soldat, verlor ein Auge in Marokko und verbrachte Jahre in Indien und Macau. Der 10. Juni (sein Todestag) ist Portugals Nationalfeiertag (Dia de Portugal). Sein Grab befindet sich im Kloster der Jerónimos in Belém.

Fernando Pessoa (1888–1935)

Pessoa ist der bedeutendste portugiesische Dichter des 20. Jahrhunderts — und einer der originellsten der Weltliteratur. Seine Besonderheit: Er schrieb nicht nur unter seinem eigenen Namen, sondern erfand über 70 Heteronyme — eigenständige fiktive Dichter mit eigener Biografie, eigenem Stil und eigener Philosophie. Die wichtigsten sind Alberto Caeiro (ein naturverbundener Schäfer), Ricardo Reis (ein klassizistischer Horaz-Epigone) und Álvaro de Campos (ein futuristischer Ingenieur). Pessoa inszenierte Debatten und Briefwechsel zwischen seinen Heteronymen.

Pessoa verbrachte fast sein gesamtes Erwachsenenleben in Lissabon, arbeitete als Handelskorrespondent und schrieb in Cafés. Das Café A Brasileira im Chiado, vor dem eine Bronzestatue Pessoas sitzt, ist eine Pilgerstätte für Literaturliebhaber. Sein ehemaliges Wohnhaus ist heute das Casa Fernando Pessoa (Museum und Bibliothek). Zu Lebzeiten veröffentlichte er kaum — sein Werk wurde erst posthum aus einer Truhe mit über 25.000 Manuskripten zusammengesetzt.

José Saramago (1922–2010)

Saramago erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur — als erster (und bisher einziger) portugiesischsprachiger Autor. Sein Stil ist unverkennbar: Lange, mäandernde Sätze ohne Absätze, Dialoge ohne Anführungszeichen, ein erzählerischer Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Empfohlene Romane: „Das Memorial" (Memorial do Convento, über den Bau des Klosters von Mafra), „Die Stadt der Blinden" (Ensaio sobre a Cegueira, eine verstörende Parabel über eine Blindheits-Epidemie), „Die Reise des Elefanten" (A Viagem do Elefante, die wahre Geschichte eines Elefanten, der im 16. Jahrhundert von Lissabon nach Wien reiste).

Weitere wichtige Autoren

  • Eça de Queiroz (1845–1900) — der portugiesische Flaubert. „Die Maias" (Os Maias) ist der große Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts
  • António Lobo Antunes (*1942) — gilt neben Saramago als bedeutendster lebender portugiesischer Schriftsteller. Seine Romane über den Kolonialkrieg in Angola sind erschütternd
  • Lídia Jorge (*1946) — eine der wichtigsten Stimmen der portugiesischen Gegenwartsliteratur, Finalistin des Internationalen Booker Prize 2024

Tipp

Die Buchhandlung Livraria Lello in Porto (1906 eröffnet) gilt als eine der schönsten der Welt — die neogotische Fassade und die geschwungene rote Holztreppe inspirierten angeblich J.K. Rowling für Hogwarts. Eintritt 8 € (wird beim Buchkauf angerechnet). Früh morgens kommen, um Schlangen zu vermeiden.

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