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Verstehen · Kapitel 9

Geschichte der Schweiz

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VerstehenKapitel 9: Geschichte der Schweiz
Verstehen · Kapitel 9

Geschichte der Schweiz

Von der legendären Gründung auf dem Rütli über die Reformation, die bewaffnete Neutralität und das Rote Kreuz bis zur modernen Finanzmetropole — die Schweizer Geschichte ist eine Geschichte der Eigenständigkeit, des Pragmatismus und der Kompromissfähigkeit.

Von der Eidgenossenschaft zum Nationalstaat

Am 1. August 1291 schlossen der Legende nach die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf der Rütli-Wiese am Vierwaldstättersee den Bundesbrief — einen Beistandspakt gegen die habsburgische Vorherrschaft. Ob Wilhelm Tell, der verweigerte Gruß vor dem Hut auf der Stange und der Apfelschuss wirklich geschahen, weiß niemand — aber die Geschichte wurde zum Gründungsmythos einer Nation.

Fest steht: In den folgenden Jahrhunderten wuchs die Eidgenossenschaft durch freiwilligen Beitritt und militärische Stärke. Die Schweizer Söldner galten als die gefürchtetsten Krieger Europas — ihre Standfestigkeit bei der Schlacht von Morgarten (1315) und Sempach (1386) gegen die Habsburger ist legendär. Noch heute schützt die Päpstliche Schweizergarde den Vatikan — gegründet 1506, die älteste und kleinste Armee der Welt.

Die Reformation spaltete die Eidgenossenschaft: Huldrych Zwingli reformierte Zürich (1519), Jean Calvin machte Genf zum „protestantischen Rom" (1536). Katholische und reformierte Kantone standen sich feindlich gegenüber — aber der lockere Bund hielt, weil er Vielfalt zuließ. Dieses Prinzip prägt die Schweiz bis heute.

1648 wurde die Schweiz im Westfälischen Frieden offiziell unabhängig vom Heiligen Römischen Reich. Napoleon besetzte das Land 1798 und schuf die kurzlebige Helvetische Republik. Der Sonderbundskrieg (1847) — der letzte Bürgerkrieg auf europäischem Boden — endete mit dem modernen Bundesstaat (1848), einer föderalen Demokratie nach dem Vorbild der USA, aber mit einem einzigartigen Kollegialregierungssystem.

Tipp

Das Bundesbriefmuseum in Schwyz zeigt das Originaldokument von 1291 — eines der wichtigsten historischen Dokumente Europas. Eintritt 10 CHF. Auch die Rütli-Wiese am Vierwaldstättersee ist per Schiff erreichbar (frei zugänglich) — ein Nationalheiligtum.

Neutralität, Rotes Kreuz & Bankgeheimnis

Die bewaffnete Neutralität ist der Kern der Schweizer Identität — und kein pazifistisches Ideal, sondern eine pragmatische Strategie. Seit dem Wiener Kongress 1815 hat die Schweiz an keinem Krieg mehr teilgenommen — aber sie hat sich stets verteidigungsbereit gehalten: Bis vor wenigen Jahren war jeder Schweizer Mann zum Militärdienst verpflichtet, und Armeewaffen wurden zu Hause aufbewahrt.

Das Rote Kreuz

1863 gründete der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant nach dem Erlebnis der blutigen Schlacht von Solferino (1859) das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) — die bedeutendste humanitäre Organisation der Welt. Das Rote Kreuz (umgekehrte Schweizer Flagge) hat seinen Sitz bis heute in Genf. Dunant erhielt 1901 den ersten Friedensnobelpreis.

Genf als Diplomatie-Hauptstadt

Genf beherbergt den europäischen Sitz der UNO, die WHO, das IKRK, die WTO, CERN (den Teilchenbeschleuniger, in dem das Internet erfunden wurde!) und über 200 internationale Organisationen. Die Genfer Konventionen sind die Grundlage des humanitären Völkerrechts. Dazu kommen Davos (Weltwirtschaftsforum), Basel (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) und Zürich als Finanzplatz.

Das Bankgeheimnis

Das Schweizer Bankgeheimnis (1934 per Gesetz verankert) machte die Schweiz zum bevorzugten Ort für Vermögensverwaltung — aber auch zum Zufluchtsort für fragwürdige Gelder. Seit dem automatischen Informationsaustausch (2017) ist das klassische Bankgeheimnis für Ausländer de facto abgeschafft. Die Schweiz bleibt aber einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt.

Direkte Demokratie

Die Schweiz hat die am weitesten entwickelte direkte Demokratie der Welt: Bürger können per Volksinitiative (100.000 Unterschriften) Verfassungsänderungen erzwingen und per Referendum (50.000 Unterschriften) Parlamentsbeschlüsse kippen. Es wird vier Mal pro Jahr über mehrere Vorlagen abgestimmt — über alles, vom Kampfjet-Kauf bis zum Grundeinkommen. Dieses System ist langsam, aber erstaunlich stabil.

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