Geschichte der USA
Kolonialzeit (1607–1776)
Die amerikanische Geschichte beginnt — aus europäischer Perspektive — mit der Gründung von Jamestown, Virginia im Jahr 1607, der ersten dauerhaften englischen Siedlung in Nordamerika. 1620 folgten die Pilgerväter, puritanische Separatisten, die auf der Mayflower nach Plymouth (Massachusetts) kamen, um ihrer religiösen Verfolgung in England zu entkommen. Sie wären im ersten Winter fast verhungert, hätten nicht die Wampanoag-Ureinwohner ihnen das Überleben beigebracht — eine Hilfe, die die Kolonisten später mit Verdrängung und Gewalt „dankten".
Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts entstanden 13 britische Kolonien entlang der Atlantikküste. Jede hatte ihren eigenen Charakter: Das puritanische Massachusetts mit seiner Bildungstradition (Harvard wurde 1636 gegründet, nur 16 Jahre nach der Ankunft der Pilgerväter), das tolerante Pennsylvania der Quäker, das aristokratische Virginia der Tabakpflanzer und das kosmopolitische New York (ursprünglich das niederländische Nieuw Amsterdam).
Zwei dunkle Kapitel prägten die Kolonialzeit: Die systematische Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung (deren Gesamtzahl vor der Ankunft der Europäer auf 5–15 Millionen geschätzt wird) und die Sklaverei — die ersten afrikanischen Sklaven wurden 1619 nach Virginia gebracht, nur 12 Jahre nach der Gründung Jamestowns. Bis zur Unabhängigkeit machten Sklaven in den Südstaaten teilweise über 40 % der Bevölkerung aus.
Revolution & Unabhängigkeit (1765–1789)
Der Bruch mit dem britischen Mutterland hatte einen prosaischen Auslöser: Steuern. Nach dem teuren Siebenjährigen Krieg (French and Indian War, 1754–63) beschloss das britische Parlament, die Kolonien stärker zu besteuern — ohne ihnen ein Mitspracherecht zu geben. „No taxation without representation" wurde zum Schlachtruf.
Die Eskalation folgte schnell: Die Boston Tea Party (1773) — als Indianer verkleidete Patrioten warfen 342 Kisten Tee in den Hafen, um gegen die Teesteuer zu protestieren. Die Schlachten von Lexington und Concord (19. April 1775) — die „Schüsse, die um die Welt gehört wurden", der Beginn des Unabhängigkeitskriegs. Und am 4. Juli 1776 verabschiedete der Kontinentalkongress in Philadelphia die Declaration of Independence, verfasst von Thomas Jefferson — eines der einflussreichsten Dokumente der Menschheitsgeschichte.
„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal..." — ein Satz von revolutionärer Sprengkraft, geschrieben von einem Mann, der über 600 Sklaven besaß. Dieser Widerspruch zwischen Ideal und Realität zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte amerikanische Geschichte.
Der Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) wurde mit Hilfe Frankreichs gewonnen. 1787 wurde die US-Verfassung in Philadelphia verabschiedet — die älteste noch gültige Verfassung der Welt. George Washington wurde 1789 der erste Präsident.
Tipp
In Philadelphia kannst du die Independence Hall besichtigen (kostenlos, aber Tickets nötig) und die Liberty Bell sehen. In Boston führt der Freedom Trail an den wichtigsten Orten der Revolution vorbei. Beide Städte zusammen erzählen die Revolutionsgeschichte besser als jedes Geschichtsbuch.
Bürgerkrieg & Sklaverei (1861–1865)
Die zentrale Tragödie der amerikanischen Geschichte. Der Konflikt zwischen dem industrialisierten Norden und dem agrarischen Süden — im Kern ein Streit um die Sklaverei — eskalierte nach der Wahl von Abraham Lincoln (1860) zum Sezessionskrieg. Elf Südstaaten traten aus der Union aus und gründeten die Konföderation (Confederate States of America) unter Präsident Jefferson Davis.
Der Bürgerkrieg (1861–1865) war der blutigste Konflikt in der Geschichte der USA — über 620.000 Tote (mehr als in allen anderen amerikanischen Kriegen zusammen). Schlachten wie Gettysburg (Juli 1863, über 50.000 Opfer in drei Tagen), Antietam (der blutigste Einzeltag der amerikanischen Geschichte) und die Belagerung von Vicksburg prägten die Erinnerung.
1863 verkündete Lincoln die Emancipation Proclamation — die Befreiung aller Sklaven in den Rebellenstaaten. Nach dem Sieg des Nordens folgten die Verfassungszusätze 13 (Abschaffung der Sklaverei), 14 (Bürgerrechte für alle) und 15 (Wahlrecht unabhängig von der Rasse). Lincoln wurde am 14. April 1865, fünf Tage nach Kriegsende, im Ford's Theatre in Washington von John Wilkes Booth erschossen.
Die Reconstruction (1865–1877) brachte kurzzeitig Fortschritte — schwarze Senatoren, Schulen, Landbesitz —, bevor die Jim-Crow-Gesetze ab den 1880er-Jahren die Rassentrennung im Süden für fast ein Jahrhundert zementierten.
Achtung
Das Erbe des Bürgerkriegs ist bis heute politisch brisant. Die Konföderierten-Flagge wird von manchen als „Southern Heritage" verteidigt, von anderen als Symbol des Rassismus verurteilt. Die Debatte um Konföderierten-Denkmäler dauert an. Vermeide es, dieses Thema unbedacht anzusprechen.
Aufstieg zur Weltmacht (1898–1991)
Ab dem Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) begann der Aufstieg der USA zur globalen Macht. Der Erste Weltkrieg (Eintritt 1917) machte die USA zum Gläubiger Europas. Die Roaring Twenties brachten Jazz, Hollywood, Wolkenkratzer und den Boom — gefolgt vom Börsencrash 1929 und der Great Depression, die 25 % der Amerikaner in die Arbeitslosigkeit stürzte.
Der Zweite Weltkrieg — ausgelöst für die USA durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor (7. Dezember 1941) — verwandelte das Land in die größte Militärmacht der Geschichte. D-Day (6. Juni 1944), Iwo Jima, und schließlich die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki (August 1945) beendeten den Krieg und definierten die neue Weltordnung.
Der Kalte Krieg (1947–1991) zwischen den USA und der Sowjetunion prägte ein halbes Jahrhundert: McCarthyismus, Koreakrieg, Kubakrise (1962, die Welt am Rand des Atomkriegs), Vietnamkrieg (1964–1975, 58.000 tote Amerikaner, tiefe gesellschaftliche Spaltung), Wettrüsten, Mondlandung (1969) und schließlich der Fall der Berliner Mauer (1989) und das Ende der Sowjetunion (1991).
Parallel dazu: Die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre — Rosa Parks, Martin Luther King Jr. („I Have a Dream", 1963), die Freedom Riders, die Märsche von Selma — erkämpfte die Aufhebung der Rassentrennung und das Civil Rights Act von 1964. Kings Ermordung 1968 (wie die von JFK 1963 und Robert Kennedy 1968) traumatisierte die Nation zutiefst.
Das moderne Amerika (1991–heute)
Nach dem Ende des Kalten Krieges schienen die USA als einzige Supermacht unverwundbar — bis zum 11. September 2001. Die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon (2.977 Tote) veränderten das Land fundamental: Der „War on Terror" führte in die Kriege in Afghanistan (2001–2021) und Irak (2003–2011), verschärfte die Sicherheitsgesetze (Patriot Act, TSA an Flughäfen) und veränderte das Selbstverständnis der Nation.
2008 wurde Barack Obama der erste afroamerikanische Präsident — ein historischer Moment, der für viele das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung einzulösen schien. Die Finanzkrise 2008 (ausgelöst durch den Zusammenbruch des Hypothekenmarkts) stürzte die Weltwirtschaft in die schwerste Rezession seit 1929.
Die 2010er und 2020er Jahre brachten eine tiefe politische Polarisierung: Die Präsidentschaft von Donald Trump (2017–2021), die Black-Lives-Matter-Bewegung, die COVID-19-Pandemie (über 1 Million Tote in den USA) und der Sturm auf das Kapitol (6. Januar 2021) zeigten ein Land, das mit sich selbst ringt. Die kulturellen Gräben zwischen urbanem und ländlichem Amerika, zwischen Demokraten und Republikanern, sind tiefer als seit dem Bürgerkrieg.
Trotz aller Konflikte bleibt die USA die größte Volkswirtschaft der Welt, das Zentrum der globalen Popkultur, der Tech-Innovation und der militärischen Macht. Die Frage, ob das Land seinem Gründungsversprechen gerecht werden kann, bleibt so aktuell wie 1776.
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