Land & Leute · Abschnitt 1/2

Geschichte im Überblick

🇮🇸 Island Reiseführer

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Geschichte im Überblick

Islands Geschichte beginnt spät, ist aber außergewöhnlich gut dokumentiert — die mittelalterlichen Sagas gehören zu den bedeutendsten Literaturwerken Europas und erzählen detailliert von der Besiedlung.

Vor der Besiedlung

Bevor die Wikinger kamen, war Island menschenleer — eine der letzten größeren Inseln der Erde ohne Bewohner. Allerdings gibt es Hinweise, dass irische Mönche (Papar) bereits im 8. Jahrhundert die Insel erreichten und als Einsiedler lebten. Als die Wikinger kamen, verschwanden die Mönche — ob sie flohen oder vertrieben wurden, ist unklar. Ortsnamen wie Papey (Mönchsinsel) und Papos erinnern an ihre Anwesenheit.

Die Landnahme (874–930 n. Chr.)

Island war eine der letzten größeren Inseln der Erde, die vom Menschen besiedelt wurde. 874 n. Chr. landete der norwegische Wikinger Ingólfur Arnarson an der Südküste. Der Legende nach warf er seine Hochsitzpfeiler (hölzerne Säulen mit religiöser Bedeutung) über Bord und schwor, sich dort niederzulassen, wo sie an Land gespült würden. Seine Sklaven fanden sie zwei Jahre später an der „Rauchbucht" — Reykjavík.

In den folgenden Jahrzehnten kamen etwa 20.000–30.000 norwegische Wikinger und ihre keltischen (irischen und schottischen) Sklaven und Ehefrauen nach Island. Die meisten Siedler flohen vor dem norwegischen König Harald Schönhaar, der die kleineren Fürstentümer Norwegens unter seine Herrschaft zwang. Island wurde zum Zufluchtsort für Freiheitsliebende.

Das Landnámabók (Besiedlungsbuch) dokumentiert über 400 Erstansiedler namentlich mit ihren Familien, Schiffen und Landansprüchen — eine in der Welt einzigartige historische Quelle. Moderne DNA-Analysen bestätigen: Die isländische Bevölkerung hat etwa 60% skandinavische und 40% keltische Herkunft.

Das Alþingi — Geburt der Demokratie (930)

Im Jahr 930 gründeten die Siedler das Alþingi in Þingvellir — das älteste noch existierende Parlament der Welt. Die isländische Gesellschaft war eine einzigartige aristokratische Republik ohne König: Etwa 36 Goden (Häuptlinge) teilten sich die Macht und trafen sich jeden Sommer für zwei Wochen auf den Lavafeldern von Þingvellir.

Der Gesetzessprecher (Lögsögumaður) musste das gesamte Gesetzbuch auswendig rezitieren — eine Aufgabe, die drei Jahre dauerte. Es gab keinen geschriebenen Codex; das Gesetz wurde mündlich überliefert und weiterentwickelt.

Christianisierung (1000 n. Chr.)

1000 n. Chr. stand Island vor einem Bürgerkrieg zwischen Christen und Heiden. Der Gesetzessprecher Þorgeir Ljósvetningagoði — selbst Heide — wurde gebeten, eine Entscheidung zu treffen. Er zog sich nach der Legende einen ganzen Tag und eine Nacht unter eine Tierhaut zurück (möglicherweise eine schamanische Praxis), bevor er verkündete: Island wird christlich. Der Kompromiss: Privat durfte man weiterhin die alten Götter verehren, Pferdeopfer bringen und Kindstötung praktizieren (letzteres wurde bald verboten). Auf seinem Heimweg warf er seine Götterstatuen in den Goðafoss.

Die Sturlungenzeit (1220–1264)

Die friedliche Republik endete in einem blutigen Bürgerkrieg: Die Sturlungenzeit. Mächtige Häuptlingsgeschlechter, allen voran die Sturlungar (zu denen der berühmte Autor Snorri Sturluson gehörte), kämpften um die Vorherrschaft. Snorri Sturluson — Autor der Edda und der Heimskringla (Geschichte der norwegischen Könige) — wurde 1241 auf Befehl des norwegischen Königs in seinem eigenen Keller ermordet.

Die Gewalt und das Chaos führten dazu, dass sich Island 1262/1264 dem norwegischen König unterwarf — das Ende der Freistaatzeit.

Norwegische und dänische Herrschaft (1262–1944)

Als Norwegen 1380 unter die dänische Krone fiel, wurde Island automatisch dänisch — und blieb es fast 600 Jahre. Die dänische Herrschaft war für Island eine dunkle Zeit:

  • Handelsmonopol (1602–1787): Dänemark verbot den Isländern den Handel mit anderen Nationen. Dänische Händler beuteten die Bevölkerung aus — sie kauften Fisch und Wolle billig und verkauften importierte Güter teuer. Isländer verarmten
  • Pest (1402–1404): Der Schwarze Tod tötete ein Drittel der Bevölkerung
  • Laki-Eruption (1783–1784): Der verheerendste Vulkanausbruch in Islands Geschichte. Die Laki-Spalte produzierte 14 km³ Lava und giftige Gase, die 80% des Viehbestands und 20–25% der Bevölkerung (ca. 10.000 Menschen) töteten. Die Gase verursachten in Europa eine „blaue Nebel"-Krise und trugen möglicherweise zur Französischen Revolution bei
  • Türkenraub (1627): Nordafrikanische Piraten überfielen die Westmännerinseln und entführten 400 Isländer in die Sklaverei

Fischkriege — Cod Wars (1958–1976)

Nach der Unabhängigkeit wurde Fisch zu Islands wichtigster Ressource, und die Ausweitung der Fischereizone führte zu drei „Kabeljau-Kriegen" mit Großbritannien — diplomatische und teilweise militärische Konflikte, bei denen isländische Küstenwachschiffe die Netze britischer Trawler kappten. Island gewann alle drei Konflikte und erweiterte seine Zone auf 200 Seemeilen. Die NATO musste vermitteln, da beide Länder Mitglieder waren. Die Fischkriege zeigten: Klein kann sich gegen Groß durchsetzen, wenn die Entschlossenheit stimmt.

Unabhängigkeit (1944)

Am 17. Juni 1944 — während Dänemark unter deutscher Besatzung stand — erklärte Island in Þingvellir die Unabhängigkeit. 98,5% stimmten in einer Volksabstimmung dafür. Das Datum ist Islands Nationalfeiertag. Seitdem hat sich das Land von einem der ärmsten Europas zum Land mit dem höchsten Lebensstandard der Welt entwickelt (HDI Rang 3).

Die Finanzkrise 2008

Die Finanzkrise 2008 traf Island besonders hart: Alle drei Großbanken (Glitnir, Landsbanki, Kaupthing) kollabierten innerhalb einer Woche. Die kombinierten Schulden der Banken betrugen das 11-fache des BIP. Die Krone verlor 50% ihres Wertes, die Börse brach um 95% ein, und das Land stand am Rand des Staatsbankrotts.

Die Isländer reagierten mit der „Kochtopfrevolution" (Búsáhaldabyltingin): Tausende versammelten sich vor dem Parlament und schlugen auf Kochtöpfe und Pfannen — wochenlang, bei Frost und Schnee, bis die Regierung zurücktrat. Island ließ seine Banken fallen (statt sie zu retten wie andere Länder), klagte Bankchefs an (einige gingen ins Gefängnis), und erholte sich erstaunlich schnell — unter anderem dank des Tourismus-Booms ab 2010, den der Eyjafjallajökull-Ausbruch paradoxerweise auslöste.

Fagradalsfjall & Reykjanes (2021–2024)

Seit 2021 erlebt die Reykjanes-Halbinsel nahe Reykjavík eine Serie von Vulkanausbrüchen — die ersten in der Region seit 800 Jahren. Die Ausbrüche bei Fagradalsfjall (2021, 2022) waren „touristische Vulkane" — gut zugänglich, nicht gefährlich und spektakulär. Tausende Isländer wanderten mit Hotdogs und Bier in der Hand zum Lavafluss. Die späteren Ausbrüche bei Sundhnúkur (2023–2024) waren gefährlicher und bedrohten die Stadt Grindavík (4.000 Einwohner), die evakuiert wurde.

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