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Verstehen · Kapitel 14

Kunst & Architektur

Mallorca Reiseführer

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VerstehenKapitel 14: Kunst & Architektur
Verstehen · Kapitel 14

Kunst & Architektur

Von der größten gotischen Kathedrale am Mittelmeer über Jugendstil-Juwelen bis zu Miros Farbexplosionen — Mallorca ist ein Open-Air-Museum, das Architektur und Kunst überzeugend verbindet.

Gotik auf Mallorca

Die katalanische Gotik prägt Palma und ganz Mallorca stärker als jeder andere Architekturstil. Sie unterscheidet sich von der französischen Gotik durch breitere, niedrigere Schiffe, weniger Strebepfeiler und größere Wandflächen — eine Adaption an das mediterrane Klima und Licht.

La Seu — Die Kathedrale von Palma

Das größte Bauwerk Mallorcas und eine der eindrucksvollsten gotischen Kathedralen Europas. 1300 von Jaume II. auf den Fundamenten einer Moschee begonnen, erst 1601 vollendet. Zahlen, die beeindrucken: 44 Meter Höhe im Hauptschiff (höher als Notre-Dame), 121 Meter Länge, eine Rosette von 13,8 Metern Durchmesser mit 1.236 Glassteinen. Zwei mal im Jahr — um den 2. Februar und den 11. November — projiziert die aufgehende Sonne die Rosette als Lichtspektakel auf die gegenüberliegende Innenwand: die berühmte „Festa de la Llum" (Lichtfest). Antoni Gaudi arbeitete von 1904 bis 1914 am Innenraum — sein schwebender Baldachin über dem Altar ist ein frühes Zeugnis seines organischen Stils. Der Künstler Miquel Barcelo gestaltete 2007 die Kapelle des Allerheiligsten — eine Keramiklandschaft, die eine Unterwasserwelt und die Brotvermehrung darstellt. Kontrovers, aber faszinierend.

Llotja de Palma

Die ehemalige Seehandelsbörse (1420–1452) ist ein Meisterwerk der katalanischen Spätgotik. Entworfen von Guillem Sagrera (der auch am Castel Nuovo in Neapel arbeitete), beeindruckt der einzige große Saal mit seinen sechs gewundenen Säulen, die sich wie Palmstämme bis zur Decke erheben und das Kreuzrippengewölbe tragen. Heute wird die Llotja für Wechselausstellungen genutzt — der Eintritt ist frei, und allein das Gebäude ist den Besuch wert.

Castell de Bellver

Europas einzige runde gotische Burg — 1300–1311 für Jaume II. auf einem Hügel westlich von Palma erbaut. Der kreisförmige Grundriss mit rundem Innenhof und drei runden Türmen plus einem freistehenden Bergfried (durch eine Bogenbrtcke verbunden) ist architektonisch einzigartig. Die Aussicht von der Terrasse — 360 Grad über Palma, den Hafen und die Bucht — ist atemberaubend. Im Inneren beherbergt das Castell das Stadtmuseum mit römischen Skulpturen aus Pollentia.

Tipp

Das Lichtspektakel in der Kathedrale (Rosette projiziert auf die Innenwand) findet um den 2. Februar und den 11. November statt — jeweils kurz nach 8 Uhr morgens. Ein magischer Moment, der zum Fotografieren einlädt. Früh da sein — die Kathedrale wird an diesen Tagen voll!

Modernisme

Um die Jahrhundertwende 1900 erlebte Palma einen Modernisme-Boom — die katalanische Spielart des Jugendstils, verwandt mit dem Art Nouveau in Frankreich und dem Wiener Sezessionsstil. Reiche Kaufleute und Adlige ließen sich repräsentative Stadtpalais im neuen Stil bauen, und Palma wurde — nach Barcelona — zur zweitwichtigsten Modernisme-Stadt der katalanischsprachigen Welt.

Can Forteza Rey

Das vielleicht auffälligste Gebäude Palmas steht an der Placa del Mercat: Die Fassade von Can Forteza Rey explodiert förmlich in Farbe und Form — Keramikkacheln, schmiedeeiserne Balkone, phantasievolle Tier- und Pflanzenmotive. Entworfen von Lluis Forteza Rey (1908–1909), ist es ein Paradebeispiel für den dekorativen Überschwang des Modernisme. Das Gebäude ist in Privatbesitz und kann nur von außen bewundert werden — aber das lohnt sich.

Gran Hotel (CaixaForum)

Das Gran Hotel (1903) von Lluis Domenech i Montaner — demselben Architekten, der den Palau de la Musica Catalana und das Hospital de Sant Pau in Barcelona schuf — war das erste Luxushotel Palmas. Die prachtvolle Fassade mit Keramikdekor, Blumenmotiven und schmiedeeisernen Balkonen wurde aufwendig restauriert und beherbergt heute das Kulturzentrum CaixaForum mit wechselnden Ausstellungen. Im Erdgeschoss ist eine Dauerausstellung mit Werken des mallorquinischen Malers Hermen Anglada Camarasa — Eintritt frei.

Almacenes El Aguila

Das ehemalige Kaufhaus El Aguila (1908) an der Placa del Mercat beeindruckt mit seiner monumentalen Fassade — Keramikverkleidung, große Glasflächen und ein markanter Adler (Aguila) auf dem Dach. Ein Zeugnis des bürgerlichen Selbstbewusstseins der mallorquinischen Handelselite.

Can Casasayas und Pensio Menorquina

Die Zwillingsgebäude Can Casasayas und die ehemalige Pension Menorquina (1908–1911) an der Placa del Mercat fallen durch ihre geschwungenen, fast fließenden Fassaden auf — oft als „Palmas kleine Casa Batllo" bezeichnet. Die Wellenbewegungen der Balkone und die organischen Formen erinnern tatsächlich an Gaudis Meisterwerke in Barcelona. Entworfen vom Architekten Francesc Roca i Simo.

Ein Modernisme-Spaziergang durch Palma lässt sich in 2–3 Stunden machen: Start an der Placa del Mercat (Gran Hotel, Can Forteza Rey, Can Casasayas), weiter durch die Altstadt zum Passeig des Born und in die Seitenstraßen — überall verstecken sich Jugendstil-Details: Fassadenfliesen, Holztüren mit Bleiverglasung, schmiedeeiserne Laternen.

Miro & zeitgenössische Kunst

Joan Miro und Mallorca — das ist eine Liebesgeschichte, die über 50 Jahre dauerte und eines der wichtigsten künstlerischen Vermächtnisse der Insel hinterließ.

Miro auf Mallorca

Joan Miro (1893–1983) kam erstmals 1929 nach Mallorca — seine Mutter stammte aus einer mallorquinischen Familie, und 1929 heiratete er Pilar Juncosa, ebenfalls Mallorquinerin. Doch erst 1956 zog er dauerhaft auf die Insel und ließ sich in Cala Major, einem Vorort von Palma, ein Atelier vom renommierten Architekten Josep Lluis Sert bauen. Dieses Atelier — lichtdurchflutet, großzügig, mit Blick aufs Meer — wurde zur Werkstatt, in der Miro einen Großteil seines Spätwerks schuf: Gemälde, Skulpturen, Keramiken, Druckgrafiken.

Fundacio Pilar i Joan Miro

Die Stiftung, 1981 von Miro selbst gegründet, umfasst das Sert-Atelier, ein von Rafael Moneo entworfenes Museumsgebäude (1992) und Miros früheres Wohnhaus (Son Boter). Der Besuch des Ateliers ist das Highlight: Es wurde so belassen, wie Miro es zuletzt nutzte — Pinsel, Farbtuben, halbfertige Leinwände, Fundstücke, die als Inspiration dienten. Man spürt den kreativen Geist fast physisch. Die Sammlung umfasst über 6.000 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen und eine bemerkenswerte Sammlung von Grafiken. Eintritt: ca. 9 €. Unbedingt den Skulpturengarten besuchen.

Es Baluard Museu d'Art Contemporani

Palmas Museum für zeitgenössische Kunst, 2004 eröffnet in einem spektakulären Bau, der alte Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert mit moderner Architektur verschmelzt. Die Sammlung umfasst Werke von Miro, Picasso, Barcelo, Tapies und zeitgenössischen balearischen Künstlern. Die Dachterrasse bietet einen der schönsten Blicke auf den Hafen und die Kathedrale. Eintritt: ca. 6 €, freitags nachmittags frei.

Weitere Kunstorte

  • CaixaForum (im ehemaligen Gran Hotel) — hochkaratige Wechselausstellungen, Eintritt frei
  • Museo Sa Bassa Blanca (Alcudia) — die Sammlung Yannick und Ben Jakober in einer spektakulären Architektur über der Bucht von Pollenca: zeitgenössische Kunst, historische Kindporträts und ein Skulpturenpark
  • Galerien in Santa Catalina und Sa Gerreria — Palmas lebendige Galerienszene konzentriert sich in diesen beiden Vierteln
  • Nit de l'Art (September) — Palmas Kunstnacht, bei der Galerien, Museen und Ateliers bis Mitternacht öffnen

Tipp

Die Fundacio Miro in Cala Major ist am Samstagmorgen am ruhigsten. Nimm den Stadtbus Nr. 3 oder 46 ab Placa d'Espanya. Tipp: Erst das Atelier, dann die Ausstellung, dann den Skulpturengarten — in dieser Reihenfolge wirkt der Besuch am stärksten.

Trockensteinmauern (Marges)

Sie sind unspektakulär und doch eines der beeindruckendsten Kulturzeugnisse Mallorcas: die Marges — Trockensteinmauern, die ohne einen Tropfen Mörtel aufgeschichtet sind und seit Jahrhunderten die Landschaft der Tramuntana prägen.

Ein UNESCO-Erbe

Die Trockensteinmauern der Serra de Tramuntana sind seit 2011 Teil des UNESCO-Welterbes. Geschätzt gibt es auf Mallorca über 15.000 Kilometer dieser Mauern — eine Strecke, die von Palma bis Peking reichen würde. Sie wurden über Jahrhunderte von Margers (Trockensteinmauer-Bauern) errichtet, einer Handwerkergruppe, deren Wissen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Funktion und Technik

Die Marges erfüllen mehrere lebenswichtige Funktionen: Sie schaffen Terrassen (Marjades) an den steilen Hängen der Tramuntana, die den Anbau von Oliven, Mandeln und Wein ermöglichten. Sie verhindern Erosion, leiten Regenwasser kontrolliert ab, schaffen Windschutz und markieren Grundstücksgrenzen. Die Technik ist simpel und genial: Steine werden ohne Bindemittel so ineinandergesetzt, dass sie sich gegenseitig stützen — die richtige Auswahl und Platzierung jedes einzelnen Steins entscheidet über die Haltbarkeit.

Gute Trockensteinmauern halten Jahrhunderte — manche der noch stehenden Mauern gehen auf die maurische Periode zurück (10.–13. Jahrhundert). Moderne Margers werden heute in speziellen Kursen ausgebildet, um das Wissen zu bewahren. Die Escola de Margers in Soller bildet neue Trockensteinbauer aus — ein Beruf, der dank des UNESCO-Status und des Wandertourismus eine Renaissance erlebt.

Wandern entlang der Marges

Die schönsten Wanderungen Mallorcas führen entlang und durch Trockensteinmauer-Landschaften: die Ruta de Pedra en Sec (GR 221), ein Fernwanderweg, der sich durch die gesamte Tramuntana zieht, ist das beste Beispiel. Etappen wie Deia–Soller, Esporles–Banyalbufar oder Lluc–Pollenca führen durch jahrhundertealte Terrassenlandschaften, die das Zusammenspiel von Mensch und Natur auf poetische Weise zeigen.

Tipp

Auf der Wanderung von Banyalbufar nach Esporles (ca. 3 Stunden, mittlere Schwierigkeit) siehst du die spektakulärsten Trockensteinmauer-Terrassen der Insel — Olivenhaine auf schmalen Stufen, die sich vom Berggipfel bis zum Meer ziehen. Ein Meisterwerk bäuerlicher Landschaftsgestaltung.

Architektur der Fincas

Die Finca — das mallorquinische Landhaus — ist mehr als ein Gebäude: Sie ist ein Archetyp mediterraner Architektur, entstanden aus den praktischen Bedürfnissen einer bäuerlichen Gesellschaft und heute eines der begehrtesten Immobilien- und Urlaubsobjekte der Insel.

Bauweise und Merkmale

Typische Merkmale einer mallorquinischen Finca: dicke Mauern aus lokalem Naturstein (Mares-Sandstein im Süden, Kalkstein in der Tramuntana), die im Sommer kühlen und im Winter wärmen. Holzbalkendecken (Bigues) aus Kiefern- oder Olivenholz. Kleine Fenster zur Sonnenseite (Hitzeschutz), größere zur Schattenseite. Ein Innenhof (Clastra) als geschützter Lebensraum. Eine Zisterne (Aljub) für Regenwasser. Dachziegel in warmem Terrakotta. Außenmauern oft in den typischen Erdtönen — Ocker, Terrakotta, helles Beige.

Possessions — die großen Landgüter

Possessions (von lateinisch possessio — Besitz) waren die Güter des mallorquinischen Landadels. Größer als normale Fincas, umfassten sie oft ein Herrenhaus (Cases de possessio), eine Kapelle, eine Ölmühle (Tafona), Wirtschaftsgebäude, Stallungen und große Ländereien mit Oliven, Mandeln oder Getreide. Viele Possessions tragen historische Namen, die Jahrhunderte zurückreichen: Son Marroig (Deia), Son Moragues (Valldemossa), Son Brull (Pollenca).

Im 20. Jahrhundert verfielen viele Possessions, als die Landwirtschaft unrentabel wurde und die Familien in die Stadt zogen. Seit den 1990ern erleben sie eine Renaissance als Landhotels: Aufwendig restaurierte Possessions wie Son Brull bei Pollenca, Son Net in Puigpunyent oder Finca Son Palou in Orient gehören heute zu den stimmungsvollsten Unterkünften der Insel. Die Restaurierung folgt oft strengen denkmalpflegerischen Vorgaben: Originalbalken werden erhalten, Mares-Steine wiederverwendet, traditionelle Bautechniken angewendet.

Fincas heute

Der Finca-Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Hunderte von Fincas und Possessions sind als Agrotourismus-Betriebe (Agroturismes) oder Ferienwohnungen (Turisme Interior) zugelassen. Die schönsten verbinden historische Atmosphäre mit modernem Komfort — Pool im Orangengarten, freigelegtes Steinmauerwerk neben Designer-Bad, Olivenöldegustation im eigenen Hain. Die Preise reichen von 100 € pro Nacht für eine einfache Finca bis über 1.000 € für eine exklusive Possession mit Personal.

Tipp

Wer eine authentische Finca-Erfahrung sucht, sollte ins Landesinnere schauen — rund um Arta, Campos, Sineu und Petra gibt es wunderschöne restaurierte Fincas zu deutlich günstigeren Preisen als an der Küste. Plus: Man erlebt das „echte" Mallorca.

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