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Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Irlands

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VerstehenKapitel 8: Geschichte Irlands
Verstehen · Kapitel 8

Geschichte Irlands

Irlands Geschichte ist eine der bewegendsten Europas — von den Kelten und Wikingern über die jahrhundertelange britische Herrschaft und die verheerende Große Hungersnot bis zur blutigen Unabhängigkeit und den Troubles in Nordirland. Ohne diese Geschichte versteht man Irland nicht.

Kelten, Christianisierung & Wikinger (bis 1169)

Irlands früheste bekannte Bewohner hinterließen monumentale Spuren: Newgrange (ca. 3200 v. Chr.) ist älter als die Pyramiden und beweist eine hochentwickelte steinzeitliche Kultur mit astronomischem Wissen. Um 500 v. Chr. erreichten die Kelten die Insel und prägten Irland für immer: ihre Sprache (Gaeilge lebt bis heute), ihre Kunst (keltische Knoten, Spiralen, Kreuze), ihre Mythologie (Cú Chulainn, die Tuatha Dé Danann, die Sídhe-Feenhügel) und ihre Gesellschaftsordnung aus Königen, Druiden und Barden.

Im 5. Jahrhundert kam der heilige Patrick (ein romano-britischer Sklave, der nach Irland verschleppt worden war, floh und als Missionar zurückkehrte) und christianisierte die Insel. Die Verbindung von keltischer Kultur und Christentum schuf etwas Einzigartiges: Irische Mönche wurden zu den Bewahrern der europäischen Zivilisation während der Dunklen Jahrhunderte. In Klöstern wie Clonmacnoise, Glendalough und Skellig Michael kopierten sie antike Texte und schufen Meisterwerke wie das Book of Kells.

Ab 795 kamen die Wikinger — zunächst als Plünderer, dann als Siedler, die Städte gründeten: Dublin (Dubh Linn, „schwarzer Teich"), Waterford, Cork, Limerick und Wexford sind allesamt Wikingergründungen. Die Schlacht von Clontarf (1014), in der Hochkönig Brian Boru die Wikinger besiegte (aber selbst fiel), beendete ihre Vorherrschaft.

Britische Herrschaft & Plantations (1169–1800)

1169 begann die normannische Invasion — eingeladen von einem irischen König, der Hilfe gegen seine Rivalen suchte (ein Fehler, der Irland 800 Jahre kosten sollte). Die Normannen brachten Burgen, Feudalismus und die englische Krone, die ab 1171 die Oberhoheit über Irland beanspruchte. Zunächst kontrollierten die Engländer nur den „Pale" — ein kleines Gebiet um Dublin.

Ab dem 16. Jahrhundert verschärfte sich die Kontrolle: Heinrich VIII. erklärte sich zum König von Irland, und unter Elizabeth I. und Oliver Cromwell wurden die Plantations durchgesetzt — irisches Land wurde konfisziert und an englische und schottische Siedler vergeben. Cromwells Invasion (1649–1653) war die brutalste Periode: ein geschätztes Drittel der Bevölkerung kam durch Krieg, Hunger und Deportation um. Sein berüchtigtes Ultimatum: „To Hell or to Connacht".

Die Penal Laws (ab 1695) unterdrückten die katholische Mehrheit systematisch: Katholiken durften kein Land besitzen, nicht wählen, keine Schulen betreiben. Diese Gesetze schufen die tiefe Kluft zwischen protestantischer Oberschicht und verarmter katholischer Bevölkerung, die Irlands Geschichte bis heute prägt.

Die Große Hungersnot (1845–1852)

Die Great Famine (An Gorta Mór, „Der Große Hunger") ist das traumatischste Ereignis der irischen Geschichte. Zwischen 1845 und 1852 vernichtete die Kartoffelfäule die Kartoffelernte — das Grundnahrungsmittel einer Bevölkerung, die unter der britischen Landbesitzordnung kaum andere Nahrung hatte.

Die Folgen waren katastrophal: Eine Million Menschen verhungerten, eine weitere Million wanderte in „Coffin Ships" nach Amerika aus. Irlands Bevölkerung sank von 8,4 Millionen (1844) auf 6,6 Millionen (1851). Die Emigration hörte nie auf — bis 1961 lebten nur noch 2,8 Millionen auf der Insel. Heute hat die Republik 5,1 Millionen Einwohner — immer noch weniger als vor der Hungersnot.

Während die Iren verhungerten, wurden weiterhin Lebensmittel aus Irland nach England exportiert. Dieses Versagen wird bis heute als bewusste Gleichgültigkeit oder gar Genozid diskutiert. Das Famine Memorial am Custom House Quay in Dublin — ausgemergelte Bronzefiguren, die zum Emigrantenschiff wanken — ist eines der erschütterndsten Denkmäler Europas.

Tipp

Das EPIC Museum in Dublin und das Dunbrody Famine Ship in New Ross (Co. Wexford) vermitteln die Geschichte der Hungersnot und Emigration auf ergreifende Weise. Das National Famine Museum in Strokestown Park (Co. Roscommon) zeigt Originaldokumente.

Osteraufstand & Unabhängigkeit (1916–1922)

Am Ostermontag 1916 besetzten rund 1.600 Aufständische das General Post Office (GPO) in Dublin und riefen die Irische Republik aus. Der Osteraufstand scheiterte nach sechs Tagen. Doch die britische Hinrichtung von 16 Anführern in Kilmainham Gaol — darunter der schwer verwundete James Connolly, der auf einem Stuhl sitzend erschossen wurde — verwandelte Gleichgültigkeit in Zorn und die Toten in Märtyrer.

Im Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) kämpfte die IRA unter Michael Collins einen Guerillakrieg gegen die Briten. Der Anglo-Irische Vertrag von 1921 gewährte 26 Countys die Unabhängigkeit — die sechs nördlichen blieben bei Großbritannien. Die Teilung führte zum Bürgerkrieg (1922–1923), in dem Michael Collins mit nur 31 Jahren bei einem Hinterhalt getötet wurde.

Die Troubles (1968–1998)

Die Troubles waren ein dreißig Jahre währender Konflikt in Nordirland zwischen Unionisten (protestantisch, pro-britisch) und Nationalisten (katholisch, pro-irisch). Über 3.500 Menschen kamen ums Leben.

Der Auslöser war die Bürgerrechtsbewegung der 1960er. Der Bloody Sunday (30. Januar 1972, 14 Tote durch britische Soldaten in Derry) radikalisierte beide Seiten. IRA und loyalistische Paramilitärs führten Bombenanschläge und Attentate durch.

Das Karfreitagsabkommen (10. April 1998) beendete den Konflikt: Machtteilung, grenzüberschreitende Institutionen, das Recht auf Volksabstimmung über die Wiedervereinigung. Der Brexit hat die Grenzfrage wieder aufgeworfen und die Spannungen verschärft.

Achtung

Die Troubles sind in Nordirland kein abstraktes Geschichtsthema — viele Menschen haben Angehörige verloren. Sei sensibel bei Begriffen: „Derry" oder „Londonderry", „Nordirland" oder „der Norden" — jede Bezeichnung signalisiert eine politische Position.

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