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Verstehen · Kapitel 12

Natur & Vulkanismus

Kanarische Inseln Reiseführer

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VerstehenKapitel 12: Natur & Vulkanismus
Verstehen · Kapitel 12

Natur & Vulkanismus

Die Kanarischen Inseln sind ein geologisches Wunderwerk — vulkanische Gipfel über 3.700 Meter, uralte Lorbeerwälder aus der Tertiärzeit, Mondlandschaften aus erkalteter Lava und eine Artenvielfalt, die Darwin inspiriert hätte. Willkommen auf Europas faszinierendstem Naturarchipel.

Vulkanische Entstehung — Hotspot im Atlantik

Die Kanarischen Inseln verdanken ihre Existenz einem Hotspot — einem Aufstrom heißen Mantelmaterials aus den Tiefen der Erde, der die afrikanische Platte durchschmilzt und Vulkane an die Oberfläche drückt. Die Inseln entstanden über einen Zeitraum von über 20 Millionen Jahren, wobei die östlichen Inseln die ältesten und die westlichen die jüngsten sind:

  • Fuerteventura & Lanzarote: ~20 Millionen Jahre alt — stark erodiert, flach, wüstenhaft
  • Gran Canaria: ~15 Millionen Jahre — ein Miniaturkontinent mit extremer Landschaftsvielfalt
  • Teneriffa & La Gomera: ~12–8 Millionen Jahre — Teneriffa mit dem höchsten Gipfel, La Gomera tief zerklüftet
  • La Palma: ~4 Millionen Jahre — geologisch jung und vulkanisch sehr aktiv
  • El Hierro: ~1,2 Millionen Jahre — die jüngste und kleinste der Hauptinseln

Die Kanaren sind vulkanisch aktiv — und das ist kein theoretisches Risiko. Der letzte große Ausbruch auf dem Festland Europas ereignete sich hier:

  • 1730–1736: Auf Lanzarote brachen Dutzende Vulkane über sechs Jahre aus und begruben ein Drittel der Insel unter Lava — die Feuerberge (Montañas del Fuego) im Timanfaya-Nationalpark
  • 1971: Teneguía auf La Palma — der letzte „friedliche" Ausbruch, bei dem Zuschauer zuschauen konnten
  • 2021: Der Cumbre Vieja auf La Palma brach am 19. September aus und spie 85 Tage lang Lava, die 3.000 Gebäude und Tausende Hektar Bananenplantagen unter sich begrub. Die Lavaströme erreichten das Meer und schufen neue Landmassen. Die Narben sind noch deutlich sichtbar
  • 2011–2012: Ein submariner Vulkanausbruch vor El Hierro (Tagoro) ließ das Meer brodeln und die Farbe wechseln

Die vulkanischen Böden sind der Grund für die außergewöhnliche Fruchtbarkeit (Bananen, Wein, Tomaten) und die spektakulären Landschaften — von den schwarzen Sandstränden über die Mondlandschaft des Teide-Nationalparks bis zu den Lavahöhlen (Cueva de los Verdes auf Lanzarote).

Achtung

Der Teide (3.718 m) ist ein aktiver Vulkan. Der letzte Ausbruch war 1909 (Chinyero-Eruption am Fuß). Die Vulkanüberwachung ist exzellent, aber es ist ein aktives vulkanisches System. Respektiere alle Absperrungen und Rauchzonen im Nationalpark.

Klimazonen & Passatwolken — Mikrokontinente

Jede der großen Kanarischen Inseln ist ein Mikrokontinent mit einer Bandbreite von Klimazonen, die anderswo Tausende Kilometer auseinanderliegen. Der Schlüssel dazu sind die Passatwinde, die feuchte Luft aus dem Nordosten gegen die Berge drücken.

Das Prinzip ist einfach und doch spektakulär: Die feuchten Passatwinde aus dem Nordatlantik treffen auf die Berge der Inseln und werden zum Aufsteigen gezwungen. Dabei kondensiert die Feuchtigkeit und bildet die berühmte Passatwolkenschicht (Mar de Nubes — „Wolkenmeer"), die auf den Nordseiten der hohen Inseln auf einer Höhe von 600–1.500 m wie ein Deckel liegt. Das Ergebnis:

  • Nordseite (Luv): Feucht, grün, wolkig — hier wachsen Lorbeerwälder und üppige Vegetation. Temperaturen kühler, mehr Regen
  • Südseite (Lee): Trocken, sonnig, wüstenhaft — hier liegen die Touristenzentren. Weniger als 200 mm Regen im Jahr
  • Küste: Subtropisch, 18–25 °C ganzjährig, kaum Temperaturschwankung
  • Höhenlagen (über 2.000 m): Auf Teneriffa (Teide) und La Palma alpines Klima — im Winter kann Schnee fallen

Die Konsequenz für Reisende: Man kann am selben Tag am Strand im Süden bei 28 °C liegen, durch den mystischen Nebelwald im Norden wandern und oben am Teide bei 5 °C im Schnee stehen. Ziebelprinzip beim Anziehen ist Pflicht!

Die flachen östlichen Inseln (Lanzarote, Fuerteventura) haben kein Gebirge, das die Passatwolken fängt — deshalb sind sie durchgängig trocken, sonnig und windreich. Ideal für Strand und Wassersport, weniger für Wanderer.

Tipp

Auf Teneriffa, Gran Canaria und La Palma kannst du das Wolkenmeer von oben erleben — die Passatwolken hängen auf etwa 1.000 m Höhe und bilden ein endloses weißes Meer unter dir. Die besten Aussichtspunkte: Pico del Inglés (Anaga, Teneriffa), Roque Nublo (Gran Canaria) und Mirador de la Cumbrecita (La Palma).

Endemische Flora — Drachenbaum, Kanarische Kiefer & Lorbeerwald

Die Pflanzenwelt der Kanaren ist ein botanisches Weltwunder. Durch die Isolation im Atlantik und die extremen Höhenunterschiede haben sich über Jahrmillionen Hunderte endemische Arten entwickelt, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen.

Der Drachenbaum (Drago)

Das Wahrzeichen der Kanaren — ein urzeitlich anmutender Baum mit dickem Stamm, schirmförmiger Krone und rotem Harz (dem legendären „Drachenblut"), das seit der Antike als Heilmittel und Farbstoff gehandelt wurde. Die Guanchen verehrten den Drago als heilig. Das berühmteste Exemplar ist der Drago Milenario in Icod de los Vinos (Teneriffa) — sein geschätztes Alter variiert je nach Quelle zwischen 500 und 1.000 Jahren. Weitere eindrucksvolle Drachenbäume stehen im Jardín Botánico in Puerto de la Cruz und auf La Palma.

Die Kanarische Kiefer (Pinus canariensis)

Ein Überlebenskünstler ohne Gleichen: Die Kanarische Kiefer wächst auf Lavaböden und in Höhen bis zu 2.500 m und besitzt eine einzigartige Fähigkeit — sie kann nach einem Waldbrand aus verkohlten Stämmen neu austreiben. Nach dem verheerenden Waldbrand auf Teneriffa 2023 zeigten sich bereits Monate später grüne Triebe an schwarz verbrannten Bäumen. Ihre extrem langen Nadeln (bis 30 cm) kämmen zudem die Feuchtigkeit aus den Passatwolken — sogenannter „horizontaler Regen", der den Boden unter den Bäumen durchnässt.

Der Lorbeerwald (Laurisilva)

Das wertvollste botanische Erbe Europas: Die Lorbeerwälder (Laurisilva) auf La Gomera, Teneriffa (Anaga), La Palma und El Hierro sind Relikte der subtropischen Wälder, die vor der Eiszeit ganz Südeuropa bedeckten. In Kontinentaleuropa starben sie aus — nur auf den Kanaren (und Madeira und den Azoren) überlebten sie dank des gleichmäßigen Klimas. Der Garajonay-Nationalpark auf La Gomera ist der größte zusammenhängende Lorbeerwald der Welt — UNESCO-Welterbe seit 1986. Wandern durch diese moosbedeckten, nebelumhüllten Wälder fühlt sich an wie eine Zeitreise in eine Ära vor den Menschen.

Weitere botanische Highlights

  • Kanaren-Wolfsmilch (Euphorbia canariensis): Kakteenähnliche Sukkulente, die überall in den Trockengebieten wächst
  • Tajinaste (Echium wildpretii): Ein bis zu 3 Meter hoher, leuchtend roter Blütenturm, der nur am Teide auf Teneriffa und auf La Palma wächst — im Mai/Juni ein atemberaubender Anblick
  • Siempreviva (Limonium): Die „Immerlebende" — wächst auf kargen Klippen und symbolisiert die Widerstandskraft der kanarischen Natur

Tipp

Der Jardín Botánico in Puerto de la Cruz (Teneriffa), gegründet 1788, zeigt die gesamte kanarische und tropische Pflanzenwelt auf kleinem Raum. Für den Lorbeerwald von La Gomera die Route durch den Garajonay-Nationalpark ab Alto de Garajonay wählen — hier ist der Wald am dichtesten und magischsten.

Meeresbiologie — Wale, Delfine & Schildkröten

Die Gewässer der Kanaren gehören zu den artenreichsten des Nordatlantiks. Die Kombination aus kalter Kanarenströmung, nährstoffreichen Auftriebsgebieten und warmem Ozeanwasser schafft ein marines Ökosystem, das weltweit seinesgleichen sucht.

Wale & Delfine

Zwischen Teneriffa und La Gomera befindet sich eines der bedeutendsten Wal-Habitate Europas. Hier leben das ganze Jahr über:

  • Grindwale (Kurzflossen-Grindwale): Eine residente Population von über 400 Tieren lebt permanent in den tiefen Gewässern zwischen den Inseln. Sichtungsrate auf Bootstouren: nahezu 100 %
  • Große Tümmler: Spielen regelmäßig in den Bugwellen der Boote
  • Rauzahndelfine, Fleckendelfine, Streifendelfine: Verschiedene Arten je nach Saison
  • Pottwale: Werden vor allem vor La Palma und El Hierro gesichtet
  • Blauwale und Finnwale: Durchzügler im Frühjahr und Herbst — seltener, aber möglich

Die Kanaren sind das einzige Gebiet in Europa, in dem man residente Wale das ganze Jahr über beobachten kann. Whale-Watching-Touren starten von Los Gigantes, Puerto de Santiago und Los Cristianos (Teneriffa) sowie von Valle Gran Rey (La Gomera).

Meeresschildkröten

In kanarischen Gewässern kommen vor allem Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) und gelegentlich Grüne Meeresschildkröten vor. Das Schildkröten-Auffangzentrum in Cofete (Fuerteventura) und die Aufzuchtstation in Mogán (Gran Canaria) kümmern sich um verletzte Tiere und setzen Jungtiere aus.

Unterwasserwelt

Die Kanaren sind ein erstklassiges Tauch- und Schnorchelrevier:

  • El Hierro: Das Meeresschutzgebiet Mar de las Calmas ist der beste Tauchspot der Kanaren — kristallklares Wasser, Rochen, Barrakudas, Zackenbarsche und Engelhaie
  • Lanzarote: Das Museo Atlántico — ein Unterwassermuseum mit über 300 lebensgroßen Skulpturen von Jason deCaires Taylor in 12-15 m Tiefe
  • La Graciosa: Glasklares Wasser und unberührte Tauchplätze
  • Teneriffa: Rochen und Schildkröten bei Las Galletas, Wracktauchen bei Puerto de la Cruz

Achtung

Wähle nur zertifizierte Whale-Watching-Anbieter mit dem „Barco Azul" (Blaues Boot)-Zertifikat der kanarischen Regierung. Diese halten vorgeschriebene Mindestabstände ein und begrenzen die Beobachtungszeit. Billiganbieter stören die Tiere massiv.

Nationalparks & Schutzgebiete

Die Kanaren haben vier Nationalparks — mehr als jede andere autonome Gemeinschaft Spaniens — und fast die Hälfte der Gesamtfläche steht unter irgendeiner Form von Naturschutz.

Parque Nacional del Teide (Teneriffa)

Der meistbesuchte Nationalpark Europas — und das zu Recht. Der Teide (3.718 m) ist nicht nur der höchste Berg Spaniens, sondern vom Meeresboden gemessen (über 7.500 m) einer der größten Vulkane der Erde. Die Caldera de las Cañadas — ein gigantischer Vulkankessel von 17 km Durchmesser — bietet eine unwirkliche Mondlandschaft aus bizarren Felsformationen, erkalteten Lavaströmen und im Frühjahr den leuchtend roten Tajinaste-Blütentürmen. UNESCO-Welterbe seit 2007.

Parque Nacional de Timanfaya (Lanzarote)

Die Feuerberge — eine surreale Lavalandschaft, entstanden bei den Ausbrüchen von 1730–1736, die ein Drittel der Insel unter sich begruben. Wenige Zentimeter unter der Oberfläche herrschen noch Temperaturen von über 400 °C — in der Restaurantküche des „El Diablo" wird mit vulkanischer Erdwärme gegrillt. Der Park ist nur per Bus auf der „Ruta de los Volcanes" zugänglich — eine Entscheidung, die den einzigartigen Charakter bewahrt.

Parque Nacional de Garajonay (La Gomera)

Der Lorbeerwald-Nationalpark — UNESCO-Welterbe und eines der wichtigsten Relikte der tertiären Flora Europas. Moosbedeckte Bäume, mystischer Nebel, absolute Stille. Hier wächst, was vor der Eiszeit ganz Südeuropa bedeckte.

Parque Nacional de la Caldera de Taburiente (La Palma)

Ein gewaltiger Erosionskrater (kein Vulkankrater, wie lange angenommen) von 10 km Durchmesser und bis zu 2.000 m Tiefe. Kiefernwälder, Wasserfälle, Wanderwege durch eine der spektakulärsten Landschaften der Kanaren. Der Nachthimmel über La Palma ist übrigens durch ein Gesetz geschützt — das Observatorio del Roque de los Muchachos am Kraterrand ist eines der wichtigsten Observatorien der Welt.

Weitere Schutzgebiete

  • Biosphärenreservate: La Palma, Lanzarote, El Hierro, Fuerteventura und Gran Canaria sind (teilweise oder ganz) UNESCO-Biosphärenreservate
  • Anaga-Gebirge (Teneriffa): Biosphärenreservat mit uraltem Lorbeerwald und den abgelegensten Dörfern der Insel
  • Dünen von Maspalomas (Gran Canaria): Naturschutzgebiet — ein 400 Hektar großes Dünenfeld, das wie ein Stück Sahara aussieht

Umweltschutz & Nachhaltigkeit

Die Kanaren stehen vor einem Paradox: Ihre spektakuläre Natur ist der Hauptgrund, warum 16 Millionen Touristen jährlich kommen — und genau dieser Tourismus bedroht das empfindliche Ökosystem.

Wasserknappheit

Wasser ist die kostbarste Ressource der Kanaren. Die östlichen Inseln (Lanzarote, Fuerteventura) sind extrem trocken — hier kommt fast das gesamte Trinkwasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Auch auf Teneriffa und Gran Canaria wird massiv entsalzt. Der Energieaufwand dafür ist enorm. Jeder Hotelpool, jeder bewässerte Golfplatz verschärft das Problem.

El Hierro — Vorbild für die Welt

Die kleinste Kanareninsel geht einen anderen Weg: Mit dem Windkraft-Wasserkraft-Hybrid „Gorona del Viento" produziert El Hierro zeitweise 100 % seines Stroms aus erneuerbaren Quellen — ein Modell, das weltweit studiert wird. Die Insel wurde 2000 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt und setzt konsequent auf sanften Tourismus.

Was du als Reisender tun kannst

  • Wasser sparen: Kurz duschen, Handtücher wiederverwenden — klingt banal, macht auf den Kanaren einen echten Unterschied
  • Wanderwege respektieren: Nicht querfeldein laufen — die vulkanische Vegetation braucht Jahrzehnte zur Regeneration. Ein einziger Tritt kann eine Flechte zerstören, die 50 Jahre zum Wachsen brauchte
  • Keinen Müll hinterlassen: Besonders an Stränden und in den Bergen. Zigarettenstummel sind ein massives Problem
  • Lokale Produkte kaufen: Kanarische Bananen statt importierte, lokalen Käse und Wein statt Supermarktware — das stärkt die nachhaltige Landwirtschaft
  • Sonnencreme: Riff-freundliche Sonnencreme verwenden — herkömmliche Cremes schädigen die Unterwasserwelt

Tipp

El Hierro ist das perfekte Reiseziel für Ökotourismus: 100 % erneuerbare Energie, exzellentes Tauchen, einsame Wanderwege und eine Atmosphäre, wie die großen Inseln sie vor 50 Jahren hatten. Anreise per Fähre von Teneriffa (2,5 Stunden) oder Binter-Flug.

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