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Verstehen · Kapitel 9

Geschichte Österreichs

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VerstehenKapitel 9: Geschichte Österreichs
Verstehen · Kapitel 9

Geschichte Österreichs

Von der keltischen Besiedlung über die Babenberger und Habsburger, das glanzvolle Wien der Kaiserzeit, den Zusammenbruch der Donaumonarchie bis zur neutralen Alpenrepublik und dem EU-Beitritt — Österreichs Geschichte ist eine europäische Geschichte im Brennglas.

Von den Kelten zu den Babenbergern

Lange bevor es Österreich gab, war das Gebiet an der Donau ein Kreuzungspunkt der Kulturen. Die Kelten gründeten hier das Königreich Noricum (ca. 400 v. Chr.), das für seine Eisenverarbeitung berühmt war — norisches Eisen galt in der Antike als das beste der Welt. Die Hauptstadt Virunum (bei Klagenfurt) war ein bedeutendes Handelszentrum.

15 v. Chr. gliederten die Römer das Gebiet in ihr Reich ein. Vindobona (Wien), Carnuntum (bei Petronell) und Iuvavum (Salzburg) wurden wichtige Militärlager und Siedlungen. Kaiser Marcus Aurelius schrieb Teile seiner berühmten Selbstbetrachtungen in Carnuntum — und starb möglicherweise auch dort im Jahr 180 n. Chr. Die römische Infrastruktur — Straßen, Thermen, Amphitheater — prägte das Land für Jahrhunderte.

Nach dem Untergang Roms durchzogen Germanen, Hunnen, Awaren und Slawen das Gebiet. Karl der Große richtete um 800 die Awarenmark als östliche Grenzregion des Frankenreichs ein. Erstmals urkundlich erwähnt wird der Name "Ostarrîchi" in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ottos III. vom 1. November 996 — das Geburtsdokument Österreichs.

976 belehnte Kaiser Otto II. Leopold I. aus dem Geschlecht der Babenberger mit der Markgrafschaft. Die Babenberger regierten 270 Jahre lang und machten aus einer Grenzmark ein wohlhabendes Herzogtum. Unter Leopold III. (dem Heiligen, Landespatron) entstanden Klöster wie Klosterneuburg und Heiligenkreuz. Wien wurde 1155 zur Residenzstadt — der Beginn einer glanzvollen Karriere.

Tipp

Der Archäologiepark Carnuntum bei Petronell-Carnuntum (40 Minuten von Wien) ist einzigartig in Europa: Komplett rekonstruierte römische Stadtviertel mit funktionierender Fußbodenheizung und originalgetreuen Wandmalereien. Absolut sehenswert!

Die Habsburger: Aufstieg zur Weltmacht (1273–1740)

1273 wurde Rudolf von Habsburg, ein relativ unbedeutender schwäbischer Graf, zum deutschen König gewählt — vor allem, weil die Kurfürsten ihn für ungefährlich hielten. Sie irrten sich gewaltig. Rudolf besiegte den böhmischen König Ottokar II. in der Schlacht auf dem Marchfeld (1278) und sicherte sich Österreich, die Steiermark und Kärnten. Damit begann die 640-jährige Herrschaft der Habsburger über Österreich — die am längsten regierende Dynastie Europas.

Die Habsburger machten Heiratspolitik zur Staatskunst. Das berühmte Motto "Bella gerant alii, tu felix Austria nube" (Kriege führen mögen andere, du glückliches Österreich heirate!) fasst ihre Strategie zusammen. Durch geschickte Eheschließungen erwarben sie Burgund (1477), Spanien mit seinen Kolonien (1496), Böhmen und Ungarn (1526). Unter Kaiser Karl V. (1519–1556) umfasste ihr Reich ein Gebiet, in dem "die Sonne niemals unterging".

Zwei existenzielle Bedrohungen prägten diese Epoche: Die Reformation spaltete das Reich religiös — Österreich blieb nach der Gegenreformation katholisch, was die Kultur bis heute prägt. Und die Osmanen belagerten Wien gleich zweimal: 1529 scheiterte Sultan Süleyman vor den Mauern, und 1683 wurde das osmanische Heer in der Zweiten Türkenbelagerung von einer christlichen Koalition unter dem polnischen König Jan Sobieski vernichtend geschlagen. Dieser Sieg leitete Österreichs Expansion nach Südosteuropa ein — und gab den Wienern angeblich die Kipferl-Tradition (die Halbmondform als Spott auf den osmanischen Halbmond).

Nach 1683 erlebte Wien ein barockes Goldenes Zeitalter. Fischer von Erlach und Hildebrandt bauten die Pracht, die Wien heute ausmacht: Schloss Schönbrunn, das Belvedere, die Karlskirche, das Stift Melk. Prinz Eugen von Savoyen, der größte Feldherr seiner Zeit, dehnte das Reich bis nach Serbien und Rumänien aus.

K.u.K.-Monarchie & das lange 19. Jahrhundert

Unter Maria Theresia (1740–1780) und ihrem Sohn Joseph II. wurde Österreich modernisiert: Schulpflicht, Abschaffung der Leibeigenschaft, Toleranzpatent für Protestanten und Juden. Maria Theresia — Mutter von 16 Kindern, darunter die unglückliche Marie Antoinette — regierte 40 Jahre lang mit einer Mischung aus Härte und Pragmatismus, die sie zur vielleicht bedeutendsten Herrscherin Europas machte.

Die Napoleonischen Kriege demütigten Österreich mehrfach. Nach der Niederlage von Austerlitz (1805) löste Franz II. das Heilige Römische Reich auf und wurde als Franz I. Kaiser des neuen Kaisertums Österreich. Sein Kanzler Metternich orchestrierte den Wiener Kongress (1814/15), der Europa nach Napoleon neu ordnete — und Wien zum Zentrum der europäischen Diplomatie machte. Die berühmte Formel: "Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran."

Die Revolution von 1848 erschütterte die Monarchie. In Wien, Budapest und Prag forderten Bürger Verfassung, Pressefreiheit und nationale Selbstbestimmung. Kaiser Ferdinand I. dankte ab, der erst 18-jährige Franz Joseph I. bestieg den Thron — und sollte 68 Jahre lang regieren, bis 1916.

Nach der Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz (1866) musste Franz Joseph den Ungarn weitgehende Autonomie zugestehen: Der Ausgleich von 1867 schuf die Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie (K.u.K.). Dieses Vielvölkerreich — mit Deutschen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Polen, Kroaten, Slowenen, Serben, Rumänen, Italienern und Ukrainern — war ein faszinierendes Experiment multikultureller Koexistenz, das kulturell brillierte, aber politisch unter wachsendem Nationalismus litt.

Das Wien der Jahrhundertwende wurde zu einem der kreativsten Orte der Menschheitsgeschichte: Freud begründete die Psychoanalyse, Klimt und Schiele revolutionierten die Kunst, Mahler und Schönberg die Musik, Wittgenstein die Philosophie, Loos die Architektur. In den Kaffeehäusern saßen Genies Tisch an Tisch — eine kulturelle Dichte, die es so nie wieder gab.

Tipp

Das Wiener Heeresgeschichtliche Museum zeigt den Wagen, in dem Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo erschossen wurde — Einschusslöcher inklusive. Ein erschütterndes Stück Geschichte.

Erster Weltkrieg, Anschluss & Zweiter Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 erschoss der serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo. Österreich-Ungarns hartes Ultimatum an Serbien und die fatale Bündnismechanik stürzten Europa in den Ersten Weltkrieg — die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".

Vier Jahre Krieg kosteten Millionen Menschenleben. Am 11. November 1918 dankte Kaiser Karl I. ab — das Ende der Habsburgermonarchie nach 640 Jahren. Aus dem Vielvölkerreich entstanden Nationalstaaten: Tschechoslowakei, Jugoslawien, ein vergrößertes Rumänien. Übrig blieb ein kleines "Deutschösterreich", das kaum jemand für überlebensfähig hielt. Der Vertrag von Saint-Germain (1919) verbot sogar den Anschluss an Deutschland.

Die Erste Republik (1918–1938) war von politischer Instabilität, Wirtschaftskrise und wachsender Radikalisierung geprägt. Sozialdemokraten und Christlichsoziale standen sich unversöhnlich gegenüber. Der Bürgerkrieg vom Februar 1934 endete mit der Niederlage der Arbeiterbewegung. Engelbert Dollfuß errichtete ein austrofaschistisches Regime — den Ständestaat — und wurde im selben Jahr von österreichischen Nazis ermordet.

Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Der "Anschluss" an Hitlers Drittes Reich wurde von großen Teilen der Bevölkerung begeistert begrüßt — ein unbequemes Faktum, das Österreich lange verdrängte. Die Folgen waren verheerend: Über 65.000 österreichische Juden wurden im Holocaust ermordet, unzählige weitere vertrieben. Österreicher waren als Täter überproportional beteiligt — Adolf Eichmann, Organisator der Deportationen, und Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts, waren Österreicher.

Im Zweiten Weltkrieg wurde besonders Wien schwer bombardiert. Der Stephansdom brannte im April 1945. Die Befreiung durch die Alliierten kam im Mai 1945 — und mit ihr eine zehnjährige Besetzung durch die vier Siegermächte.

Achtung

Die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus ist ein sensibles, aber wichtiges Thema. Die lange gepflegte "Opferthese" — Österreich als erstes Opfer Hitlers — wurde ab den 1980er-Jahren (Waldheim-Affäre) zunehmend hinterfragt. Heute stellt sich Österreich seiner Verantwortung deutlich offener.

Zweite Republik & EU-Beitritt (1945–heute)

Die Zweite Republik begann unter alliierter Besatzung: Wien wurde wie Berlin in vier Sektoren geteilt — unvergesslich dargestellt im Film "Der dritte Mann" (1949) mit Orson Welles und der Zither-Melodie von Anton Karas. Zehn Jahre lang verhandelten österreichische Politiker — allen voran Außenminister Leopold Figl und Julius Raab — um die Freiheit.

Am 15. Mai 1955 unterzeichneten die vier Besatzungsmächte den Österreichischen Staatsvertrag im Schloss Belvedere. Figls legendärer Ausruf "Österreich ist frei!" vom Balkon des Belvedere ist einer der emotionalsten Momente der österreichischen Geschichte. Im Gegenzug verpflichtete sich Österreich zur immerwährenden Neutralität — nach Schweizer Vorbild.

Die Nachkriegsjahrzehnte brachten das Wirtschaftswunder. Die Sozialpartnerschaft — das konsensorientierte Zusammenspiel von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Staat — wurde zum österreichischen Erfolgsmodell. Bruno Kreisky (SPÖ-Kanzler 1970–1983) modernisierte das Land grundlegend: Strafrechtsreform, Ausbau des Sozialstaats, aktive Neutralitätspolitik. Wien wurde zum Sitz internationaler Organisationen: UNO, OSZE, OPEC, IAEO.

Die Waldheim-Affäre (1986) — Kurt Waldheim, ehemaliger UN-Generalsekretär, wurde zum Bundespräsidenten gewählt trotz enthüllter NS-Vergangenheit — zwang Österreich zur Auseinandersetzung mit seiner Geschichte. Es war ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess.

Am 1. Jänner 1995 trat Österreich der Europäischen Union bei, nachdem sich 66,6 % der Bevölkerung in einer Volksabstimmung dafür ausgesprochen hatten. 1999 folgte die Einführung des Euro. Heute ist Österreich eines der wohlhabendsten Länder der Welt, mit einer Lebensqualität, die Wien regelmäßig zur lebenswertesten Stadt des Planeten kürt.

Tipp

Das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) in der Neuen Burg am Heldenplatz erzählt die Geschichte der Republik seit 1918 — modern, interaktiv und selbstkritisch. Der Eintritt ist frei!

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