Sprachführer Österreichisch
Österreichisches Deutsch vs. Bundesdeutsch
Österreichisches Deutsch ist eine eigenständige Varietät der deutschen Sprache — nicht ein "Dialekt", sondern eine gleichberechtigte Standardsprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Aussprache. Seit dem EU-Beitritt 1995 sind 23 österreichische Begriffe sogar im EU-Recht als offizielle Varianten anerkannt (das berühmte "Protokoll Nr. 10").
Die wichtigsten Wortunterschiede
| Österreichisch | Bundesdeutsch |
|---|---|
| Erdäpfel | Kartoffel |
| Paradeiser | Tomate |
| Karfiol | Blumenkohl |
| Fisolen | Grüne Bohnen |
| Marille | Aprikose |
| Ribisel | Johannisbeere |
| Obers | Sahne |
| Topfen | Quark |
| Schlagobers | Schlagsahne |
| Semmel | Brötchen |
| Palatschinke | Pfannkuchen |
| Faschiertes | Hackfleisch |
| Stiege | Treppe |
| Kasten | Schrank |
| Sessel | Stuhl |
| Jänner | Januar |
| Feber | Februar |
| heuer | dieses Jahr |
| Bim | Straßenbahn |
| Trafik | Kiosk / Tabakladen |
Grammatik-Unterschiede: In Österreich ist die Kartoffel weiblich ("die Teller"... nein: "das E-Mail" statt "die E-Mail"), man sagt "bin gestanden" statt "habe gestanden", "bin gesessen" statt "habe gesessen". Und das Perfekt wird viel häufiger verwendet als das Präteritum — Österreicher sagen fast nie "ich ging", sondern "ich bin gegangen".
Tipp
Sag in Österreich niemals "Brötchen", "Quark" oder "Sahne" — du outest dich sofort als Piefke (österreichisch für: Deutscher, leicht abwertend). "Semmel", "Topfen" und "Obers" sind die richtigen Wörter. Und: Es heißt "Jänner", nicht "Januar"!
Wienerisch — Einführungskurs
Wienerisch ist mehr als ein Dialekt — es ist ein Lebensgefühl. Der Wiener Dialekt hat Einflüsse aus dem Tschechischen, Ungarischen, Jiddischen und Italienischen aufgesogen und daraus etwas ganz Eigenes gemacht. Hier die wichtigsten Ausdrücke:
| Wienerisch | Bedeutung |
|---|---|
| Beisl | Kleines Wirtshaus (aus dem Jiddischen) |
| Gspusi | Liebschaft, Affäre (aus dem Italienischen "sposo") |
| Haberer | Kumpel, Freund |
| Grantler | Griesgrämiger Mensch (aber liebevoll gemeint) |
| Baba | Tschüss (informell) |
| Hawara | Freund, Typ (neutral bis freundlich) |
| Oida | Alter! (Universalwort: Erstaunen, Ärger, Zustimmung, Ablehnung — alles je nach Betonung) |
| Leiwand | Super, toll, großartig |
| Ur- | Verstärkungs-Vorsilbe: "ur-leiwand" = besonders toll |
| Gschissn | Mies, schlecht, blöd gelaufen |
| Wurscht | Egal ("Is ma wurscht" = ist mir egal) |
| Zwicken | Kneifen, aber auch: schwarzfahren ("zwicken" = ohne Fahrschein fahren) |
| Tschick | Zigarette |
| Gstättn | Brachland, verlassenes Grundstück |
| Heisl | Toilette (derb) |
| Gfrast | Ungeziefer, übertragen: nervige Person |
| Sandler | Obdachloser (nicht abwertend gemeint, eher mitfühlend) |
Das Wienerische zeichnet sich durch Vokaldehnung ("Wiiien"), Verschlucken von Endungen ("Hob i g'sogt" = "Habe ich gesagt") und eine charakteristische Melodie aus — singend, leicht klagend, nie hektisch. Wer es perfektioniert hören will: Filme von Josef Hader oder die Serie "Vorstadtweiber".
Grüße & Höflichkeit
Die richtige Begrüßung öffnet in Österreich Türen — und die falsche schließt sie. Hier die wichtigsten Formeln:
Begrüßung
| Ausdruck | Verwendung |
|---|---|
| Grüß Gott! | Standard-Begrüßung, überall passend, nicht religiös gemeint |
| Guten Morgen / Guten Tag | Formell, eher in geschäftlichem Kontext |
| Servus! | Informell, unter Freunden und Bekannten. Kann zur Begrüßung UND zum Abschied verwendet werden |
| Hallo! | Gilt als "bundesdeutsch", wird aber zunehmend akzeptiert |
| Griaß di! / Griaß eich! | Dialektal für "Grüß dich / Grüß euch", freundlich-informell |
| Küss die Hand! | Traditionell (Mann zu Frau), heute oft ironisch oder charmant-altmodisch |
| Mahlzeit! | Begrüßung um die Mittagszeit (ca. 11:30–13:30 Uhr), besonders im Büro |
Verabschiedung
| Ausdruck | Verwendung |
|---|---|
| Auf Wiederschauen! | Standard (NICHT "Auf Wiedersehen" — das klingt norddeutsch) |
| Baba! | Informell, freundschaftlich (Wienerisch) |
| Pfiat di! / Pfiat eich! | "Behüt dich Gott" — herzlich, ländlich, warmherzig |
| Servus! | Geht immer — Begrüßung und Abschied in einem |
| Tschüss! | Wird verstanden, gilt aber als norddeutsch |
Höflichkeitsformeln
- "Bitte" — hat in Österreich eine erweiterte Bedeutung: Es heißt nicht nur "bitte", sondern auch "hier, bitte" (beim Überreichen) und "bitte?" (wie "Entschuldigung, was haben Sie gesagt?")
- "Dankeschön" / "Vergelt's Gott" — "Vergelt's Gott" ist die traditionelle, wärmere Form des Dankes
- "Entschuldigung" / "Entschuldigen Sie" — höflich, universell einsetzbar
- "Geh bitte!" — bedeutet NICHT "bitte geh weg", sondern drückt ungläubiges Staunen aus: "Ach komm!" / "Das gibt's doch nicht!"
Im Kaffeehaus bestellen
Das Kaffeehaus ist ein Ritual — und wie bei jedem Ritual gibt es Regeln. Hier die wichtigsten Begriffe, um stilsicher zu bestellen:
Kaffee-Vokabular
| Bestelle... | Du bekommst... |
|---|---|
| "Eine Melange, bitte" | Espresso mit aufgeschäumter Milch (ähnlich Cappuccino) |
| "Einen Kleinen Braunen" | Espresso mit einem Schuss Milch/Obers |
| "Einen Großen Braunen" | Doppelter Espresso mit Milch/Obers |
| "Einen Kleinen Schwarzen" | Einfacher Espresso, schwarz |
| "Einen Großen Schwarzen" | Doppelter Espresso, schwarz |
| "Einen Verlängerten" | Espresso mit heißem Wasser verlängert |
| "Einen Einspänner" | Doppelter Mokka im Glas mit Schlagobers-Haube |
| "Eine Schale Gold" | Kaffee mit viel Milch, hellgold |
| "Einen Kapuziner" | Mokka mit wenig Obers, kapuzinerbraun |
| "Einen Fiaker" | Großer Mokka mit Rum und Schlagobers |
Wichtige Zusätze
- "Mit Schlagobers" — mit Sahne (NICHT "Sahne" sagen!)
- "Verkehrt" — mehr Milch als Kaffee
- "Bitte ein Glas Wasser dazu" — wird normalerweise automatisch serviert, aber in touristischen Cafés manchmal vergessen
Verhalten im Kaffeehaus
- Du darfst stundenlang sitzen — das ist Tradition, niemand drängt dich
- Zeitungen liegen auf — nimm dir eine, das gehört dazu
- Der Ober (Kellner) kommt zu dir — nicht umgekehrt. Rufe ihn diskret mit einer Handbewegung oder Blickkontakt
- Sage "Zahlen, bitte" oder "Die Rechnung, bitte" — "Ich möchte zahlen" klingt zu direkt
- Trinkgeld: Aufrunden oder 5–10 % auf den nächsten halben/vollen Euro
Im Restaurant
Österreichische Speisekarten stecken voller Begriffe, die selbst deutsche Muttersprachler ratlos lassen. Hier die Übersetzungshilfe:
Speisekarten-Decoder
| Auf der Karte | Bedeutung |
|---|---|
| Beilagen | Beilagen (Erdäpfel, Knödel, Salat etc.) |
| Erdäpfelsalat | Kartoffelsalat (warm, mit Essig-Öl-Dressing) |
| Häuptelsalat | Kopfsalat |
| Vogerlsalat | Feldsalat / Rapunzel |
| Grammeln | Grieben (ausgelassene Speckwürfel) |
| Grammelschmalz | Schweineschmalz mit Grieben (Brotaufstrich) |
| Liptauer | Gewürzter Topfen-Aufstrich (mit Paprika, Zwiebeln, Kümmel) |
| Brettljause | Kalte Platte auf einem Holzbrett (Schinken, Käse, Aufstriche) |
| Jause | Brotzeit / Zwischenmahlzeit |
| Nockerl | Kleine Klößchen/Spätzle-Variante |
| Sterz | Gerösteter Maisgries oder Buchweizenmehl |
| Heuriger | Junger Wein des aktuellen Jahrgangs |
| Gespritzter | Weinschorle (Weißwein mit Soda) |
| Krügerl | Halber Liter Bier |
| Seidel / Seiterl | Kleines Bier (0,3 Liter) |
| Pfiff | Sehr kleines Bier (0,2 Liter) |
| Stamperl | Schnapsglas (2 cl) |
| Spritzer / G'spritzter | Weißweinschorle |
| Sturm | Teilvergorener Traubenmost (nur Sept./Okt.) |
Nützliche Sätze
- "Haben Sie einen Tisch frei?" — Reservierung ist in gehobenen Restaurants empfehlenswert
- "Was empfehlen Sie?" — Kellner in Österreich kennen die Karte und beraten gerne
- "Die Rechnung, bitte" oder "Zahlen, bitte"
- "Machen Sie [Betrag]" — beim Trinkgeld-Geben
- "Getrennt, bitte" — jeder zahlt seinen Teil (weniger üblich als in Deutschland, bei Freunden aber akzeptabel)
Unterwegs
Wichtige Vokabeln für den Alltag unterwegs in Österreich:
Verkehr & Orientierung
| Österreichisch | Bedeutung |
|---|---|
| Bim | Straßenbahn |
| Öffis | Öffentliche Verkehrsmittel |
| Trafik | Kiosk / Tabakladen (auch Fahrkarten, Zeitungen) |
| Einser, Zweier... | Erster, zweiter... Bezirk in Wien |
| Gasse | Straße (in Wien heißen die meisten Straßen "Gasse") |
| Ringstraße / Ring | Die Prachtstraße um die Wiener Innenstadt |
| Gürtel | Die äußere Ringstraße Wiens (Verkehrsachse) |
| Bankomat | Geldautomat |
| Greißler | Kleiner Lebensmittelladen (aussterbend, aber das Wort lebt) |
| Beisl | Kleines, einfaches Wirtshaus |
| Schmankerl | Leckerbissen, kulinarische Köstlichkeit |
Beim Einkaufen
| Du hörst... | Bedeutung |
|---|---|
| "Bitte schön?" | "Was darf es sein?" / "Sie wünschen?" |
| "Darf's noch was sein?" | "Noch etwas?" |
| "Passt schon" | "Stimmt so" / "Ist in Ordnung" |
| "Habe die Ehre!" | Altmodische, aber charmante Begrüßung (ironisch oder ernst) |
| "Sackerl" | Plastik-/Papiertüte |
Am Berg
| Ausdruck | Bedeutung |
|---|---|
| "Berg Heil!" | Traditioneller Gipfelgruß (zunehmend durch "Hallo" ersetzt) |
| "Grüß Gott!" / "Servus!" | Am Berg grüßt man JEDEN, der einem entgegenkommt — das ist Pflicht |
| Jause | Brotzeit / Verpflegung für unterwegs |
| Hütte | Berghütte / Almhütte (bewirtschaftet) |
| Alm | Hochgelegene Bergweide |
| Klamm | Enge Felsschlucht |
| Kar | Kesselförmige Einbuchtung in der Bergflanke (Gletscherform) |
| Grat | Schmaler Bergrücken |
| Scharte | Einschnitt im Berggrat, Pass |
Tipp
Am Berg grüßt man — immer. Wer schweigend an anderen Wanderern vorbeigeht, gilt als unhöflich. Ein freundliches "Grüß Gott!" oder "Servus!" reicht. In Tirol hörst du oft "Griaß enk!" (Grüß euch).
Nützliche Ausdrücke & Redewendungen
Wer diese Ausdrücke kennt, wird von Österreichern mit einem anerkennenden Lächeln belohnt:
Alltags-Ausdrücke
| Ausdruck | Bedeutung |
|---|---|
| "Des is leiwand!" | "Das ist super!" (Wienerisch) |
| "Na geh!" | "Ach was!" / "Nicht wirklich!" (Erstaunen) |
| "Geh bitte!" | "Ach komm!" / "Das meinst du nicht ernst!" |
| "Passt scho!" | "Ist in Ordnung" / "Schon gut" |
| "Is ma wurscht" | "Ist mir egal" |
| "Da schau her!" | "Sieh mal an!" / "Erstaunlich!" |
| "Mei, is des schön!" | "Ach, ist das schön!" (echte Bewunderung) |
| "Fix!" | "Verflixt!" / "Verdammt!" (abgemildert) |
| "Jo eh" | "Ja schon" / "Eh klar" (zustimmend, leicht genervt) |
| "Eh" | Universalwort: "ohnehin", "sowieso", "natürlich", verstärkend |
| "A Wahnsinn!" | "Wahnsinn!" / "Unglaublich!" (positiv oder negativ) |
Redewendungen
- "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst" — der Inbegriff des österreichischen Humors. Typische Gelassenheit im Angesicht des Chaos
- "Da beißt die Maus keinen Faden ab" — daran lässt sich nichts ändern
- "A jeder is seines Glückes Schmied" — jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich
- "Schau ma mal, dann seh ma schon" — warten wir ab, dann sehen wir weiter (typisch österreichisch: keine Entscheidung treffen, wenn man sie aufschieben kann)
- "In Österreich muss man erst sterben, um berühmt zu werden — aber dann lebt man lang" — Sprichwort über den Umgang mit Künstlern
- "Nur ned hudeln!" — "Nur nicht hetzen!" (die Aufforderung zur Gelassenheit)
Schimpfwörter (zur Kenntnis, nicht zur Nachahmung)
- Piefke — Deutscher (leicht abwertend, aber manchmal auch freundschaftlich neckend)
- Trottel — Dummkopf (in Österreich deutlich häufiger und weniger beleidigend als in Deutschland)
- Depp — ähnlich wie Trottel, etwas stärker
- Wappler — Taugenichts, Versager (wienerisch, derb)
- Gfrast — nervige Person, Plage
War dieses Kapitel hilfreich?
